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30.06.2016

And the Mille Miglia Winner is….?

Sieger-Analyse von Wolfgang Kurth

Alle Teilnehmer der Mille Miglia sind angeblich „nur aus Begeisterung dabei“. Für Realisten ist ein Platz unter den Top 100 ein toller Erfolg. Manche aber setzen Vieles daran, unter die Top 10 zu kommen.

Tatsächlich träumen insgeheim fast alle davon, einmal nach 1000 Meilen als Sieger der Mille Miglia über die Rampe in Brescia zu rollen.

Für die meisten von uns Oldtimerenthusiasten reicht es, überhaupt einmal an der Mille Miglia teilnehmen zu dürfen. Dass wir auch gern einmal vorne dabei sein möchten, trauen wir uns meist gar nicht, überhaupt zu sagen!

Als ich 1998 zum ersten Mal in Brescia unser Auto über die Piazza Vittoria zur Technischen Abnahme schieben durfte, hörte ich immer nur: „Wird ein tolles Rennen“! „Genieß es, dabei zu sein“! „Gewinnen wird sowieso wie immer ein Italiener“!

So war es dann auch, ebenso in all den Jahren danach – sehr häufig waren es sogar immer dieselben Namen! Natürlich Cané, aber auch Vesco, Viaro, Mozzi. Es gab aber Ausnahmen – wenn auch wenige: in 2003, 2013 und 2015 gewann jeweils ein argentinisches Team!

Diese italienische Dominanz wird noch beeindruckender, wenn man sich die „Nationen Wertung“ der letzten Jahre einmal anschaut. Unter den Top 10 waren, von vernachlässigbaren Ausnahmen einmal abgesehen, nur italienische Teams versammelt, einige versprengte Argentinier und - kaum wahrnehmbar - auch mal ein von Japanern pilotiertes Auto.

Warum ist das so? Was sind Voraussetzungen, um eine realistische Chance zu haben, heutzutage mehr als 400 Teams hinter sich zu lassen? Wenn man genauer hinschaut, stellt man fest: Italiener zu sein, reicht jedenfalls lange noch nicht!!!

Das Auto

Die erste, wichtige Entscheidung auf dem Weg zum Sieg bei der MM ist die Wahl des Autos. Von ganz, ganz wenigen Ausnahmen abgesehen haben in den letzten 20 Jahren nur Teams mit einem ganz frühen Vorkriegsauto gewonnen. Diese Autos sind von der Organisation mit einem für die Bewertung der Ergebnisse sehr günstigen Koeffizienten belegt, d.h. identische Präzision bei den Wertungsprüfungen werden um so höher bewertet, je älter das Fahrzeug ist.
Weiterhin sollte das Auto keine „rollende Restauration“ sein, sich also technisch in bestem Zustand befinden. Es empfiehlt sich, zumindest über die Redundanz einiger wichtiger Komponenten wie Benzinpumpe, Zündspule etc. ernsthaft nachzudenken. Bei der diesjährigen MM verlor G. Cané 20 Minuten wegen einer defekten Zündspule! Ein schneller, technischer Service, ausgerüstet mit den gängigen Ersatzteilen kann ein Team zumindest im Rennen halten.

Der Mensch

Vier Tage über 1.600 km z.T. bei Regen oder brütender Hitze und chaotischem Feierabendverkehr in italienischen Städten erfordern nicht nur eine tiefe Grundentspannung, sondern auch eine gewisse körperliche Fitness. Fahrer und Beifahrer sollten auch schon einmal zusammen in einem Auto gesessen haben und wenn möglich an einer vergleichbaren Rallye teilgenommen haben. Da die in Deutschland bei Gleichmäßigkeitsprüfungen übliche Lichtschranke in Italien ein Druckschlauch ist, empfiehlt es sich, zur Vorbereitung Veranstaltungen in Italien zu wählen, z.B. die Terre di Canossa (wie G. Cané und M. Togonony in diesem Jahr) oder den GP Nuvolari. So kann die notwendige, klare und unmissverständliche Kommunikation zwischen Fahrer und Beifahrer geübt werden. Dabei ist die Navigation bei der MM kein Problem: verfahren kann man sich nicht, wohl aber können unpräzise Ansagen des Beifahrers bei den bis zu 80 Wertungsprüfungen die Ergebnisse, aber auch die Stimmung an Bord stark belasten. Bei den Top Teams wird dieses Problem umgangen, indem in der Regel der Fahrer die „Ansagen“ der technischen Helferlein direkt übernimmt und seine Fahrweise darauf einstellt. Das führt dazu, dass die Abweichungen von den Sollzeiten bei den Spitzenteams durchschnittlich bei 4/100stel Sekunden liegen! Bewertet wird am Ende aber auch die Gleichmäßigkeit der Abweichung, d.h. 9 Prüfungen ohne Abweichung zu fahren und bei der 10. Prüfung mit 1/10tel Sekunde daneben zu liegen wird schlechter bewertet, als 10 Prüfungen mit je 1/10 Sekunden Abweichung zu fahren.

Kann man solche Präzision trainieren?
Ja! Man kann! G. Cané hat in seiner Zeit als BMW „Werksfahrer“ regelmäßig die BMW-Promi-Teams intensiv trainiert. Es hat geholfen, aber für den Sieg sind diese Teams trotzdem nie ernsthaft in Frage gekommen! Cané ist der Auffassung, es bedarf eines gewissen Talents bezüglich des Gefühls für das Zusammenspiel von Weg und Zeit. Wenn man ihn erlebt, wie er (ohne einen Blick auf zwei Stoppuhren zu werfen) die jeweils unterschiedlich gestoppten Zeiten vorhersagt, kann man an seinem Talent keine Zweifel mehr haben.

Das Equipment

Alle Teams, die ganz vorne mitmischen wollen, haben neben einem sehr frühen Vorkriegsauto, einem Fahrer mit buchhaltergleichem Zeitgefühl und einer guten Support Crew noch etwas gemeinsam: das Cockpit ihres Einsatzfahrzeugs gleicht dem Mission Control Center der NASA in Houston! Alles ist erlaubt!!

So ist die gesamte Produktpalette von Digitech Timing, dem führenden Hersteller für Rallye Computer in diesen Autos vertreten! Wäre Digitech Timing Sponsor der MM, dann könnte man bezüglich der objektiven Siegerauswahl sehr nachdenklich werden: Digital Timing-Technik findet man in jedem Siegerauto!
Vermutlich liegt es aber daran, dass diese von Antonio Viaro, einem der ersten Gewinner einer Mille Miglia Storica entwickelt und kontinuierlich verbessert wurde. Offensichtlich gelang es ihm, die Schnittstelle zwischen Technik und Fahrer am besten zu gestalten.

Der Gesamtaufwand für die Chance, zumindest unter die Top 10 Teams der Mille Miglia zu kommen, ist also beträchtlich. Lohnt sich das denn?
Ansichtssache! Den meisten reicht das "Erlebnis Mille Miglia" schon aus – manche aber wollen, dass es nicht wieder heißt:
"And the Winner is the Italian Team… ".

Wolfgang Kurth

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