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07.02.2013

Die Mercedes 300 von Bundeskanzler Konrad Adenauer

Waren es sechs oder sieben?

Der erste Deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer war vermutlich der berühmteste Mercedes 300-Nutzer, wodurch sein Name zum Synonym für die erste Nachkriegs-Luxuskarosse wurde. Deshalb hat sich für diesen Fahrzeugtyp die inoffizielle Bezeichnung "Adenauer-Mercedes" etabliert.

Obwohl Adenauer von Haus aus Jurist war, verstand er etwas von Technik und erfand 1904 eine Luftfederung für Autos. Er sorgte sich auch schon damals um die Umwelt und schrieb kurz vor dem Ersten Weltkrieg einen Aufsatz zum Thema " Beseitigung der Staubentwicklung durch Automobile". In den 1930er Jahren meldete er ein Patent zum "Verfahren zur Verhütung der Verunreinigung der Luft durch Abgase, Ruß usw." an. Auch die "Blendschutzbrille für Autofahrer", bei der man durch gelb getönte Gläser vor allem bei Nebel bessere Sicht hatte, ging auf seine Ideen zurück. Adenauer schwor auf sichere Autos, seit er 1916 einen schweren Autounfall hatte. Dabei wurde er durch die Trennscheibe geschleudert, sein Gesicht war platt gedrückt, Jochbein und Nase waren gebrochen, der Unterkiefer zerschmettert, die Zähne ausgeschlagen und die Oberlippe durchgerissen. Dieser Unfall war der wirkliche Grund für das nach Ansicht der Amerikaner "indianische" Aussehen des ersten Bundeskanzlers. (Quelle: Handelsblatt Magazin Auto Nr. 13/1990 S. 47)

Weit verbreitet ist die Geschichte, dass Adenauer sich angeblich vor der Anschaffung der ersten Staatskarosse nach Sitzproben in einem Mercedes und einem BMW für den Mercedes 300 entschieden hätte. Beim Einsteigen in den BMW hätte sich sein Hut verschoben, als er mit diesem den Türrahmen berührte, weshalb ihm dieses Auto als zu eng erschienen sei. Tatsächlich hat Adenauer den ersten 300 schon vor diesen Sitzproben auf eine Empfehlung des Ministerialrats Hans Kilb bestellt. Der ließ sich als Gegenleistung dafür, dass er dem Kanzler immer wieder zum Mercedes riet, von Mercedes-Benz häufig schnelle Autos für Dienst- und Urlaubsreisen zur Verfügung stellen. Dabei "karambolierte" er laut Spiegel 45/1958 einen 190 SL. Kilb wurde später vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Bonn wegen "passiver Bestechung" angeklagt.

Die Sitzproben fanden erst 1955 vor Bestellung des vierten Dienst-Mercedes statt. BMW hatte erfahren, dass Adenauer im Mercedes 300 die mangelnde Beinfreiheit im Fond beanstandet hatte, weshalb in Windeseile ein BMW 505 als Staatskarosse mit 305,5 m Radstand und 120 PS entwickelt wurde, der 1,5 cm länger als der bisherige 300 war und übrigens dem späteren 300d bis auf die Schnauze sehr ähnlich sah. Ob die Geschichte mit dem Hut damals wirklich so passierte, ist ungewiss. Es ist eher zu vermuten, dass Hans Kilb den BMW schlecht machte (er soll ihn als zu laut beschrieben haben) und nicht ganz uneigennützig einen Mercedes mit verlängertem Radstand empfahl, obwohl Mercedes-Benz diese Sonderanfertigung gar nicht recht war. Jedenfalls blieb Adenauer der Marke Mecedes treu und wählte von Neuem einen Mercedes 300, nun allerdings als Sonderanfertigung tatsächlich mit einem verlängerten Radstand. Und eh man BMW das Feld überließ, beugte man sich bei Mercedes dann doch lieber dem Wunsch des Kanzlers.

Adenauer nutzte im Laufe der Zeit alle 4 Versionen des damaligen Mercedes 300 (300, 300b, 300c und 300d), wobei er 2 Stück der ersten Version "300" und 2 Stück der letzten Version "300d" hatte. Stets trugen seine Dienstwagen das Kennzeichen "0-2" (beim ersten lautete es noch "0-002"), da das Kennzeichen "0-1" dem ranghöheren Bundespräsidenten vorbehalten war, der ebenfalls einen Mercedes 300 fuhr. (Selbst zu Zeiten von Bundespräsident Joachim Gauck ist "Nulleins" immer noch das Codewort für BKA-Beamte, wenn sie über den von ihnen zu beschützenden Bundespräsidenten sprechen.) Adenauer achtete streng darauf, dass sich seine Minister mit einem Mercedes 220 begnügten, damit der Abstand gewahrt blieb. 300er wurden vom Bund ansonsten nur noch für Repräsentations- und Eskortenzwecke sowie für Deutsche Botschafter im Ausland eingesetzt. Das Auswärtige Amt, dessen Chef Adenauer parallel zu seiner Kanzlerschaft vom 15.03.1951 bis 06. Juni 1955 ebenfalls war, bekam z.B. am 05.11.1952 einen schwarzen 300er mit braun-beigen Polstern und Standartenhalter am rechten vorderen Kotflügel. Der genaue Verwendungszweck dieses Autos ist noch nicht geklärt, es stand 2012 in der Nähe von Würzburg und wurde gerade liebevoll restauriert.

Insgesamt wird von 6 verschiedenen Mercedes 300 berichtet, die Adenauer als persönliche Dienstwagen zur Verfügung standen. Nach Dienstwagen Nr. 6 fuhr er aber auch als Privatwagen noch einen 300d, waren es also 7? Im Einzelnen:

Nr. 1: Mercedes-Benz 300 (1951-1952)

Nachdem die erste Nachkriegs-Luxus-Limousine im April 1951 auf dem Frankfurter Automobilsalon vorgestellt worden war, bekam Adenauer seinen ersten 300 am 08.12.1951. Die Staatskarosse hatte als besondere Extras einen Standartenhalter am vorderen rechten Kotflügel und ein Blaulicht, das am Kühlergrill unmittelbar über dem vorderen Kennzeichen angebracht war. Sie kostete 20 000 D-Mark, hatte 115 PS, einen 3 Liter-Hubraum und fuhr bis zu 160 km/h schnell. Adenauer hatte selbst keinen Führerschein und soll seinen Fahrer immer wieder mit den Worten: "Könnense nicht schneller fahren?" zu einer zügigeren Fahrweise aufgefordert haben.

Älteren Berichten zufolge steht es heute im Haus der Geschichte in Bonn. Das dort ausgestellte Fahrzeug hat aber Extras (Ausstellfenster an den vorderen Seitenscheiben, Falt-Schiebedach), über die erst Konrad Adenauers zweiter Dienstwagen verfügte. Der unten noch erwähnte Edmund Eckers (zeitweise Inhaber des Dienstwagens Nr. 6) ist im Besitz von Fotos, die den ersten Dienstwagen Konrad Adenauers zeigen. Der Wagen trug zunächst das bei Auslieferung in Stuttgart angebrachte, Baden-Württembergische Kennzeichen "BW 23 3605", das -wie damals üblich- weiße Buchstben und Ziffern auf schwarzem Grund hatte. Eckers hat sogar noch ein Foto, welches das Auto mit diesem Kennzeichen auf der Fähre von Königswinter nach Bonn zeigt. Später bekam das Auto das Kanzler-Kennzeichen "0-002" (die folgenden Dienstwagen hatten das verkürzte Kennzeichen "0-2"). Auch hiervon hat Eckmund Eckers ein Foto. Dieses Auto hatte weder die Ausstellfenster vorne noch ein Faltschiebedach, so dass zu vermuten ist, dass das in Bonn ausgestellte Auto nicht der erste, sondern der zweite Dienstwagen Konrad Adenauers ist.

Wenn das stimmt, trägt das im Haus der Geschichte ausgestellte Auto das Kennzeichen "0-002" fälschlicherweise. Denn das hatte nur der erste Dienstwagen, während der zweite schon das verkürzte Kennzeichen "0-2" trug, das auch auf Fotos im Haus der Geschichte zu sehen ist. Der Verbleib des ersten, den Adenauer auch nur sehr kurz hatte, ist nicht bekannt.

Nr. 2: Mercedes-Benz 300 (1952 -1955), Fotos Nr. 1 bis 4

Der erste 300 wurde relativ schnell, nämlich nach nur einem knappen Jahr vom zweiten 300 abgelöst, den Adenauer am 28.08.1952 bekam. Vermutlich hat er an seinem ersten Dienstwagen ein paar Details vermisst, denn außer dem Standartenhalter rechts und dem Blaulicht vorne hatte der keine zusätzlichen Extras. Adenauers Sonderwünsche wurden dann bei seinem zweiten Dienstwagen schon ab Werk berücksichtigt und eingebaut. Hierzu zählten die oben erwähnten Ausstellfenster an den vorderen Seitenscheiben, die erst beim 300b serienmäßig waren, sowie ein Falt-Schiebedach und vor allem eine versenkbare Trennscheibe zwischen den Fahrersitzen und dem Fond, Klapptische an der Rückenlehne der Vordersitze und Gardinen an den Fenstern, außerdem ein großer Rückscheinwerfer und ein ebenso großes Stopplicht am Heck, durch das zu aufdringliche Verfolger abgeschüttelt werden sollten. Das Blaulicht vorne war nun am Kühlergrill auf Höhe der Frontscheinwerfer angebracht, damit es besser gesehen wurde, und es gab schon zwei Standartenhalter, die links und rechts vom Kühlergrill befestigt waren.

Aller Wahrscheinlichkeit nach ist dies der Wagen, der heute im Bonner Haus der Geschichte steht, wobei das Blaulicht am Kühlergrill fehlt. Dieses Auto wurde angeblich 1959 von einer jungen Familie aus Bonn erworben und als Familienkutsche genutzt, bis es 1979 in die USA verkauft wurde. 1987 konnte Hermann Schäfer, der erste Direktor des neu gegründeten Museums "Haus der Geschichte" in Bonn, diesen Dienstwagen Konrad Adenauers zurückkaufen. Dabei gelang es ihm, den Preis von den ursprünglich verlangten 250.000 Dollar auf 40.000 Dollar herunter zu handeln. Am 04. März 1989 landete das Auto an Bord einer Transall-Maschine der Bundeswehr auf dem Flughafen Köln-Bonn, wurde restauriert und ist seitdem im "Haus der Geschichte" in Bonn ausgestellt.

Die (zumindest damalige) Genügsamkeit Adenauers wird an dem Auto deutlich: an der Rückenlehne des Fahrersitzes ist eine Halterung für zwei Thermoskannen und eine Brotdose angebracht (siehe Foto Nr. 4), so dass für eine geld- und zeitsparende Verpflegung während der Fahrt möglich war.

Nr. 3: Mercedes-Benz 300b (1955 -1956)

Am 04.01.1955 übernahm Adenauer seinen dritten 300er, einen 300b Der hatte bei Erscheinen 1954 in Normalausführung einen Listenpreis von 22.000 DM. Das war zu Zeiten, als ein Arbeiter einen Monatslohn von 400 DM hatte, der Preis eines kleinen Einfamilienhauses. Mit der Sonderausstattung, die Adenauer wählte (Standartenhalter rechts und links, Faltschiebedach, Trennscheibe zwischen Vorder- und Rücksitzbank, Gardinen und Klapptische im Fond, Kurzwellen-Telefon im Handschuhkasten, Blaulicht, Rückscheinwerfer und Stopplicht am Heck), kostete das Auto 29.000 DM. Adenauer nahm es stolz mit auf Dienstreisen, so z.B. im September 1955 nach Moskau. Auch über den Verbleib dieses Wagens ist bisher nichts bekannt.

Nr. 4: Mercedes-Benz 300c Lang (1956 - 1959), Fotos Nr. 5 bis 9

Seinen vierten Dienstwagen übernahm Adenauer am 12.05.1956. Es war ein 300c, der zusätzlich zu den bisherigen Extras als Sonderwunsch von Adenauer mit einem um 10 cm auf 315 cm verlängerten Radstand (Aufpreis 3000 DM) gebaut und so zum 300c Lang wurde. Die Beinfreiheit im Fond nahm dadurch um 14 cm zu, die Gesamtlänge wuchs auf 516,5 cm. Das Auto hatte die bei Adenauer inzwischen üblichen Extras wie Standartenhalter, Trennscheibe, Telefon im Handschuhfach, Blaulicht, eine weiße und eine rote Heckleuchte, Klapptische an der Rückenlehne der Vordersitze und Gardinen an den Fenstern, außerdem als Besonderheit nun auch Fanfarenhörner an der vorderen Stoßstange und zusätzliche Talbot-Rückspielgel mit eingebauten Blinklichtern. Die gab es also damals auch schon, sie tauchten erst im dritten Jahrtausend bei Mercedes-Benz serienmäßig wieder auf!

1957 bekam Adenauer Besuch vom amerikanischen Außenminister Dulles und wurde mit ihm zusammen im 300c Lang durch Bonn chauffiert. Im September 1958 ließ er sich damit nach Colombay-les-deux-Eglises in Lothringen zum Landsitz von Charles de Gaulle fahren, wo die beiden Staatsmänner die historisch bedeutsame Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich in die Wege leiteten. Auch bei Adenauers Urlauben im italienischen Cadenabbia am Comer See war der 300c Lang stets dabei. Zum neuen 300d, der 1957 vorgestellt worden war, wechselte Adenauer erst 1959.

Bis 1962 verblieb das Fahrzeug im Besitz des Bundeskanzleramtes. Erst als nach Auslieferung des sechsten Dienstwagens der fünfte als Reserve-Fahrzeug zur Verfügung stand, wurde Nr. 4, der 300c Lang ausgemustert und ab 17.08.1962 dem Minister für Gesamtdeutsche Fragen in Berlin als Dienstwagen übergeben. Da das Auto des Nichtrauchers Adenauer wegen dessen Gepflogenheit, Aschenbecher schon von vorneherein bei der Bestellung auszuschließen, keine Aschenbecher im Fond hatte, wurden diese für nachfolgende Nutzer nachgerüstet. Dies ist noch an der unterschiedlichen Furnierfarbe (unser Foto Nr. 9) zu erkennen.

Schon ein Jahr später, nämlich im September 1963 wurde der 300c Lang als "normaler Gebrauchtwagen" für einen vierstelligen DM-Betrag an den Ober-Triebwagenführer Reinhard Kruse im ostfriesischen Aurich verkauft. Der baute wegen des hohen Spritverbrauchs einen Dieselmotor ein, bewahrte den 6-Zylinder-Motor aber auf. 1976 kaufte Studienrat Hermann Seitz aus Leer den Wagen samt ausgebautem 6-Zylinder-Motor. Es folgten eine erste Restaurierung und Wiedereinbau des 6-Zylinder-Motors, 2005 dann der Wiedereinbau eines alten, im Handschuhfach platzierten Telefons ("Telefunken-Sprechgerät") sowie eines Becker-Mexico-Radios mit automatischem Sendersuchlauf und Montage von Original-Standartenhaltern. Schließlich verkaufte Marc-Oliver Seitz, Sohn des inzwischen in Spanien lebenden Hermann Seitz, den Wagen im Auftrag seines Vaters weiter. Der heutige Besitzer ist nicht bekannt. (Quelle: Welt motor v. 28.05.2007). Verlangt wurde ein sechsstelliger Verkaufspreis, der mit einer "4" begonnen hat, also mindstens 400.000 Euro betrug.

Möglicherweise ist das Auto im Mittleren Osten gelandet. Denn in der FAZ v. 16.12.2008 stand zu lesen, dass Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder bei einem Besuch in Abu Dhabi von Scheich Hamdan in einem Mercedes 300 abgeholt wurde, der angeblich ehemals im Besitz Konrad Adenauers gewesen ist.

Von diesem Auto existieren auch Fotos mit den Kennzeichen "SU - A 254". Diese sind aber erst 1967 dem 300d zugeteilt worden, den Konrad Adenauer nach seinem Ausscheiden aus dem Kanzleramt ab 1963 als Privatwagen fuhr. Zum Dienstwagen Nr. 4, den er bis 1959 fuhr, gehörten sie also nicht.

Nr. 5: Mercedes-Benz 300d (1959-1962 und 1963-1967), Fotos Nr. 10 bis 12

Das "d" steht hier natürlich nicht für einen Dieselmotor (der wurde bei Mercedes stets mit großen "D" gekennzeichnet), denn den gab es für den 300 werksseitig nicht, sondern für die vierte Version des Mercedes 300. Sowohl die Front- als auch die Heckpartie waren etwas eckiger als die der vorherigen 300, 300b und 300c. Adenauer bekam ihn am 07.01.1959. Der 300d hatte erstmalig einen Einspritzmotor. Die Automatic-Version erreichte eine Höchstgeschwindigkeit von 165 km/h. Das Kennzeichen war nicht mehr weiß auf schwarzem Grund, sondern passend zu den neuen Bundesrepublik-Kennzeichen schwarz auf weißem Grund.

Die auf 160 PS erhöhte Motorleistung wurde durch eine Saugrohr-Einspritzung den Treibstoffs statt des bisherigen Vergasers erreicht. Auf Wunsch konnte eine Servolenkung und ab Dezember 1958 (erstmalig in einem Mercedes-Benz PKW) eine Klimaanlage bestellt werden.

Dieser fünfte Mercedes 300 ist auch der 300d, den Adenauer nach seinem Abschied vom Kanzleramt im Oktober 1963 erwarb und als Privatwagen weiter nutzte. Das auf den Fotos 10, 11 und 12 gezeigte Fahrzeug mit dem Kennzeichen SU-A 254 ist im Mercedes-Museum in Stuttgart ausgestellt, wird dort als "das letzte Dienstfahrzeug Konrad Adenauers" bezeichnet und war angeblich "der sechste 300er seit 1951, in dem sich Adenauer chauffieren ließ". Das kann nicht richtig sein, denn das Exponat hat noch nicht die Sicherheitseinrichtungen (z.B. Lenkrad mit Pralltopf), die der 300d ab Herbst 1959 bekam. Der ausgestellte Wagen muss also vor diesem Datum gebaut worden sein. Außerdem ist überliefert, dass Adenauer seinen letzten Dienstwagen (300d, Nr. 6) an seinen Nachfolger Ludwig Erhard übergeben hat, der als Zigarrenraucher prompt die von Nichtraucher Adenauer abbestellten Aschenbecher im Fond nachrüsten ließ. Edmund Eckers hat uns bestätigt, dass es sich bei dem im Mercedes-Museum ausgestellten Fahrzeug in Wirklichkeit um den bis 1962 genutzten Dienstwagen Nr. 5 handelt, den Adenauer nach seiner Demission im Oktober 1963 als Privatwagen reaktivierte. Gleiches berichten die Adenauer-Erben, die den Wagen dem Mercedes-Museum geschenkt haben.

Nr. 6: 300d (1962-1963)

Hierbei handelt es sich wirklich um den letzten Dienstwagen Adenauers und gleichzeitig um den letzten 300d, der produzierte wurde. Adenauer übernahm ihn im März 1962 und fuhr ihn bis zum Ende seier Dienstzeit als Bundeskanzler im Oktober 1963. Nach seinem Abschied wurde das Auto wie gesagt von seinem Nachfolger Ludwig Erhard als Dienstwagen weiter genutzt. Dies war übrigens auch der letzte Kanzler-Dienst-Mercedes, den die Bundesregierugn bezahlen musste. Alle folgenden wurden aus Prestige-Gründen kostenlos zur Verfügung gestellt.

Kenner Adenauers halten es durchaus für möglich, dass "der Alte" bei der Bestellung des Autos schon ahnte, dass er nicht mehr lange Kanzler bleiben würde. Trotzdem habe er sich ganz bewusst noch einen neuen 300d bestellt, um dem ungeliebten Nachfolger Ludwig Erhard die Möglichkeit zu nehmen, sich selbst ein neues Auto auszusuchen. Die speziell für Adenauer bestellten Extras (auch die fehlenden Aschenbecher) sollten den Nachfolger stets an den Vorgänger erinnern. Erhard unterlief das jedoch dadurch, dass er sich trotzdem schnellstmöglich einen neuen 300 SE LANG bestellte, der 1963 herausgekommen war. Gleichzeitig habe Adenauer mit der Bestellung dieses zweiten 300d dafür gesorgt, dass der vorherige Dienstwagen Nr. 5 im Bundeskanzleramt verblieb, damit er diesen später günstig als Privatwagen übernehmen konnte.

Die weitere Geschichte dieses sechsten Dreihunderters berichtet der Kfz-Meister Eckmund Eckers, der 1984 einen Mercedes 300d erworben hat, von dem er est später erfuhr, dass es sich um den letzten Dienstwagen Konrad Adenauers handelte. Er wurde stutzig, als auf der Rückseite des Tachometers ein grau-weißes Lassoband fand, das die Aufschrift "Bundeskanzler", eine sechs-stellige Zahl sowie eine unlesbare Unterschrift enthielt. Eckmund Eckers bekam auf Anfrage vom Bundeskanzleramt bestätigt, dass es sich tatsächlich um den letzten Dienstwagen Adenauers handelte, vom Werk erhielt er außerdem die Produktionsunterlagen. (Um so verwunderlicher ist, dass im Mercedes-Museum behauptet wird, der dort ausgestellte 300d sei der letzte Dienstwagen!)

Der besagte 300d lief am 20. März 1962 bei Mercedes-Benz vom Band und war mit der Seriennummer 3142 auch der letzte 300 aus der damaligen Serie, der überhaupt gebaut wurde. Die Bestellung vom 12. Dezember 1961 enthielt einige Extras: Die Bodenbleche mussten um 20 mm tiefer gelegt und der Himmel im Fond angehoben werden, damit Adenauer auch mit Homburg auf dem Kopf bequem auf dem Rücksitz sitzen konnte. Außerdem erhielt auch dieses das Fahrzeug die von Adenauer bevorzugten Extras (versenkbare Trennscheibe zwischen den Vorder- und Rücksitzen usw.), und das Blaulicht an der Front rückte nochmals höher, nunmehr an den oberen Rand des Kühlergrills. Wichtig war dem konsequenten Nichtraucher Adenauer immer noch, dass hinten keine Aschenbecher eingebaut wurden, wofür es sogar einen Preisabzug von 25 DM gab. Nachdem Erhard 1964 seinen neuen 300 SE LANG bekommen hatte, wurde der 300d zunächst als Reserve-Auto weiter vom Bund benutzt, bis er schließlich 1968 ausgemustert und versteigert wurde. Irgendwann gelangte er in den Besitz eines Angehörigen der britischen Rheinarmee, was sich an Hand einer englischen Steuermarke an der Windschutzscheibe nachweisen lässt. Nach einer Panne ließ der Engländer das Auto von einem Abschlepp-Unternehmer abholen, der zugleich Autohändler war und das gute Stück "aus Mitleid" kaufte, ohne die prominente Herkunft zu kennen. Nach vielen Jahren Dornröschenschlaf tauschte der Autohändler den Wagen schließlich 1984 mit Eckmund Eckers "gegen ein paar Ersatzteile". Nachdem Eckers auf die prominente Geschichte des Autos gestossen war, restaurierte er den Wagen von 1984 bis 1990 originalgetreu, er sollte "seine Rente" werden. (Quelle: Eckmund Eckers, Oldtimer Magazin 4/1993, S.70ff)

Edmund Eckers berichtete uns, dass er den Wagen schließlich "komplett und originalgetreu restauriert und fertig zum Ausstellen" an einen Chinesen verkauft hat. Das Auto steht 2014 immer noch transportfertig bei einem Stuttgarter Spediteur unter einer Faltgarage, um in einem neuen Museum in Peking, das neben der dortigen Mercedes-Niederlassung errichtet wird, ausgestellt zu werden. Edmund Eckers ist von Mercedes versprochen worden, zur Eröffnung eingeladen zu werden. Laut Michael Bock, bis 2015 Chef von Mercedes-Classic, wird es aber bis zur Fertigstellung noch etwas dauern, da 2014 gerade mal das Grundstück erworben und ein Architekten-Wettbewerb ausgeschrieben wurde.

Eckers ist offenbar Fan von Staatslimousinen. Er hat u.a. auch einen Dienstwagen von Gerhard Schröder (CDU), der von 1961-1966 Deutscher Außenminister war (also nicht zu verwechseln mit Altbundeskanzler und Audi-Fahrer Gerhard Schröder, SPD!), erworben.

Edmund Eckers hat sich von Mercedes bestätigen lassen, dass vom Mercedes 300d 3.077 Stück als Limousine und 65 Stück als Cabriolet D hergestellt wurden. Zusammen ergibt das 3.142 Stück, und das ist exakt die Seriennummer des letzten Adenauer-Dienstwagens, der später im Besitz von Eckmund Eckers war. Es gab davon einige wenige Landaulet-Versionen, eine für den Papst und mehrere, die im Besitz von Mercedes-Benz blieben und bei Bedarf an die Deutsche Bundesregierung ausgeliehen wurden.

Und kam nach Nr. 6 dann Nr. 7?

Nein, Nr. 7 gibt es nicht (siehe oben)! Denn nach Nr. 6 nutze Adenauer von 1963 bis zu seinem Tod 1967 wieder den vorherigen Dienstwagen Nr. 5, nunmehr aber als Privatwagen, nachdem er ihn dem Bundeskanzleramt abgekauft hat. Insgesamt hatte er also tatsächlich "nur" sechs verschiedene 300er.

Andere berühmte 300-Besitzer:

Papst Johannes XXIII (Sonderversion mit um 50 cm verlängerten Radstand), Heinrich Lübke, Willy Brandt, König Mohammed V von Marokko, Kaiser Haile Selassie von Äthiopien, König Idris I von Libyen, König Feisal II vom Irak, König Ibn-Saud, Schah Reza Pahlevi von Persien, der indische Ministerpräsident Pandit Nehru, der ungarische Ministerpräsident Janos Kadar, der polnische Ministerpräsident W. Cyrankiewicz, Feldmarschall Montgomery, der Premierminister des australischen Bundesstaates Victoria James Bennet, die Ehefrau des jugoslawischen Staatspräsidenten Jovanka Broz-Tito, die Opern-Sängerin Maria Callas, die amerikanische Filmschauspielerin Ava Gardner und ihre männlichen Kollegen Gary Cooper und Errol Flynn, der russisch-amerikanische Filmschauspieler Yul Brunner, die amerikanische Jazz-Sängerin Ella Fitzgerald (hellblaues Cabriolet mit roten Ledersitzen).

Gert Meyer-Jüres

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