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11.06.2015

Für Schnauferl wär's a bisserl steil

Zwei Tage durch Tirol und Vorarlberg

Diese Tour startet in Innsbruck, der Hauptstadt von Tirol, und führt am ersten Tag über den Brennerpass, den Jaufenpass und das Timmelsjoch ins Ötztal. Der zweite Tag ist vor allem der berühmten Silvretta-Hochalpenstraße gewidmet und führt bis nach Bludenz in Vorarlberg. Aufgrund der Passüberquerungen ist diese Route nur zwischen Mitte Juni und Mitte Oktober befahrbar.

Als wir an einem sonnenstrahlenden Junitag Innsbruck gen Süden verlassen - nicht auf der Brennerautobahn, sondern natürlich auf der Landstraße 182 Richtung Passhöhe – verabschiedet uns linkerhand hoheitsvoll der Bergisel, Innsbrucks berühmter „Hügel“ mit der weithin sichtbaren Skiflug-Schanze und dem futuristischen Sprungturm, der im Jahr 2000 von der iranischen Stararchitektin Zaha Hadid entworfen worden war. Die gut ausgebaute Bundesstraße folgt dem Flüsschen Sill talauf, bleibt konsequent an dessen linken Ufer und unterquert nach einigen Kilometern die hochaufragende Autobahn auf ihren Betonpfeilern. In Schönberg mündet von Westen her das Stubaital, während die Brennerstraße weiter der Passhöhe entgegenstrebt und der dichte Verkehr der Fahrerin, die sich die erste Etappe am Volant gewünscht hatte, kaum einen Blick für die schönen Orte im Tal lässt. Derweil rollt ein noch viel mächtigerer Strom von Fahrzeugen über die Autobahn von und nach Italien.

Wenige Kilometer unterhalb der wenig aufregenden Brenner-Passhöhe erreichen wir Sterzing, auf italienisch Vipiteno, und biegen hier nach rechts auf die Strada Statale N. 44 in Richtung Meran ab. Von nun an geht es erneut bergauf, denn wir wollen über eine Vielzahl von Kurven den Jaufenpass und somit eine Höhe von knapp 2100 Metern erklimmen. Dabei weist die Südrampe noch deutlich mehr Kehren auf als die nördliche Zufahrt der Passhöhe.

Vorsicht sei jedem Autofahrer geraten, der sich an Wochenendtagen auf diese Route wagt, denn dann beherrschen Motorradpiloten die teilweise recht enge und sehr kurvenreiche Passtrasse, wo sie sich mit gewagten, ja oftmals hochgefährlichen Manövern in die engen Radien hineinlegen. Nicht umsonst gilt der „Jaufen“ unter Bikern als einer der anspruchsvollsten Pässe in ganz Tirol. Dem Oldtimer-Fan ist eine solche Hetzjagd auf zwei Rädern natürlich vollkommen fremd: Er und sie genießen die wunderbar abwechslungsreichen Ausblicke auf die umliegenden Bergmassive der Ötztaler und Sarntaler Alpen und richten ihr Tempo gerade so ein, dass man ruhig und gelassen fährt, aber nie dem restlichen Verkehr zur Last fällt.

Für eine erste Rast sei der wunderbare, kleine Ort Sankt Leonhard empfohlen, der sich ins Passeier-Tal schmiegt; dort kann man bei schönem Wetter auf den gemütlichen Terrassen der einheimischen Gasthöfe sein Mittagsmahl einnehmen und dabei die tirolerische Küche probieren. Derart gestärkt und durch einen heißen, süßen Espresso wieder hellwach geworden wenden wir uns nahe des unteren Ortsendes scharf nach rechts auf die SS44bis. Diese wird uns nun viele Kilometer bergan führen und uns zum Schluss als Hochalpenstraße zum Timmelsjoch (italienisch: Passo Rombo) bringen.

Man nehme sich ausreichend Zeit und Gelassenheit für diesen spektakulären Anstieg und nutze immer wieder die ausgewiesenen Parkbuchten zum Anhalten, um die grandiose Aussicht zu genießen. Privilegiert ist, wer diese Strecke im offenen Wagen fahren kann und, vom beengenden Autohimmel befreit, den Blick über die Gipfel schweifen lassen kann. Auf den letzten Kilometern vor der Passhöhe, die auf sagenhaften 2474 Metern liegt, hat sich die Vegetation weitgehend verabschiedet: Kein Baum oder Strauch verstellt den Blick auf die nackten, imposanten Berge, während sich die Straße in Serpentinen den letzten, steilen Hang emporwindet. Spätestens jetzt sind die Besitzer eines Oldtimers dankbar dafür, dass sie ihren Wagen technisch bestmöglich auf diese anspruchsvolle Tour vorbereitet haben.

Die Verbindung zwischen Österreich und Italien über das Timmelsjoch ist erst seit 1968 möglich, nachdem man jahrzehntelang an den beiden Rampen von Norden und Süden her gebaut hatte. Verpassen Sie auf keinen Fall die spannende Ausstellung in dem kleinen Museum auf der Passhöhe, aus Beton wie ein eckiger Findling gestaltet, wo die Baugeschichte dieser verkehrstechnischen Pioniertat anschaulich dokumentiert ist. Dabei wird auch klar, welche historische Bedeutung diese Verbindungsstraße für die beiden Teile Tirols besitzt, die seit 1919 als Folge des Ersten Weltkrieges auf Italien und Österreich aufgeteilt sind, zwischen denen aber nach wie vor engste Bande bestehen. Diese dokumentieren sich in jüngster Zeit auch in Form der so genannten „Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino“, zu dem beispielsweise ein regelmäßig tagender „gesamttirolerische Landtag“ gehört. Die ersten Kilometer nördlich der Passhöhe sind ebenso steil und gewunden wie auf der Südflanke, jedoch ist das Tal hier noch enger und beeindruckender. Und nach wenigen Kilometern muss jedes Fahrzeug seinen Obolus in Form der Mautgebühr (Pkw einfach: 14,- €) entrichten.

Von nun an fahren wir das 65 km lange Ötztal hinunter und sind damit unterwegs in einer der aufregendsten und traditionsreichsten Gebirgslandschaften der österreichischen Alpen. Hier befinden sich weltbekannte Skigebiete wie Hochgurgl oder Hochsölden; und dies ist auch die Region, in der einst – sprich in der Jungsteinzeit vor 3300 Jahren - der „Ötzi“ in einer Gletschersenke sein kaltes Grab fand. Ein Geheimtipp dieser Region ist übrigens der Ort Vent, erreichbar von Zwieselstein über die Landstraße 240, auf 1890 Meter Höhe gelegen und im Sommer für anspruchsvolle Bergwanderungen hervorragend geeignet.

Wer einen solchen Abstecher nicht plant, der suche sich nun langsam in den schönen Ortschaften des Tales eine Unterkunft, wobei in den Ferienzeiten eine Vorreservierung dringend empfohlen wird. Die Autoren dieser Zeilen hatten soviel Schwung auf der Fahrt das Ötztal hinab, dass sie der erste Tag der Tour noch bis nach Längenfeld brachte, wo ein schönes, familiengeführtes Vier-Sterne-Hotel mitten im Ort stilvolle Unterkunft und sehr gepflegte Küche bot.

Am zweiten Tag führt uns die Tour zunächst zum Stuibenfall nahe Umhausen, der mit fast 160 Meter Fallhöhe der höchste in Tirol ist. Es gibt hier einen Klettersteig, Aussichtsplattformen und eine Hängebrücke am oberen Ende des Wassersturzes, auf denen das „stuiben“ (stäuben) hautnah zu erleben ist. Den schönsten Blick auf den kompletten Wasserfall hat man von einer Aussichtsplattform auf der gegenüberliegenden Talseite, erreichbar über die L238 von Umhausen aus.

Nach diesem Stopp fahren wir zügig das Tal hinunter, denn auf uns wartet ein weiterer hochalpiner Leckerbissen. Die Bundesstraße 186 mündet am Ende des Ötztales in die B171, der wir linkerhand und damit parallel zur vielbefahrenen Autobahn dem Inntal flussaufwärts folgen. Es geht durch die Bezirkshauptstadt Landeck, über der das markante „Schloss“ thront, bis zu der kleinen Gemeinde Pians. Kurz dahinter biegt nach links die Bundesstraße 188 ab, die uns zum Highlight dieses zweiten Tages bringen wird. Wir folgen der landschaftlich sehr reizvollen Straße, passieren den bekannten Wintersportort Ischgl und erreichen hinter Galtür die Silvretta-Hochalpenstraße. Sie wurde von einem lokalen Energie-Versorgungsunternehmen in den 1940er und 1950er Jahren erbaut und diente ursprünglich als Verbindung zu den Wasserkraftwerken der Region. Lohnenswert ist ein Abstecher, ausgehend vom Örtchen Wirl kurz hinter Galtür, zum Stausee Kops, wo man schöne Ausblicke auf die Bergwelt hat. Hier kann man sich auch darüber informieren, welch ausgefeiltes, gigantisches System aus Stauseen, Kraftwerken und kilometerlangen Verbindungstunnels in dieser Gebirgsregion den Stromhunger der Menschen und der Industrie stillt.

Die 25 Kilometer lange Strecke zwischen Galtür in Tirol und Partenen in Vorarlberg ist nur zwischen Mitte Juni und Mitte Oktober geöffnet und als Privatstraße mautpflichtig (15,- €). Doch hier lohnt sich wirklich jeder Cent, denn dies ist wohl eine der schönsten Straßen in den Alpen. Auf der tirolerischen Seite schwingt sie sich zunächst gut zehn Kilometer in sanften Schwüngen bergan, nur zwei Kehren verlangen einen festen Griff ins Volant, bis man an der Biehler Höhe den Silvretta-Stausee und damit - auf 2032 Meter - den höchsten Punkt der Strecke erreicht. Wem an dieser Stelle schönes, vielleicht sogar sonniges Wetter vergönnt ist, der nehme sich Zeit für eine ausgedehnte Pause. Ein Wanderweg lädt ein, den 1,3 Quadratkilometer großen Stausee zu umkreisen, um nach derart körperlicher Ertüchtigung in den Hotels der Biehler Höhe einzukehren und den unvergesslichen Ausblick über den See zu genießen, unter anderem auf die beiden Spitzen des Großen Piz Buin (3312 m ) und seines nur wenig kleineren Bruders, die beide Teil der Silvretta-Gebirgsgruppe sind und auf der Grenzlinie zur Schweiz liegen.

Nach dieser eindrucksvollen Rast folgt mit der 15 Kilometer langen Abfahrt nach Partenen ein besonders spektakulärer Streckenabschnitt, der vom Oldtimer-Kapitän kräftige Arme verlangt: Wer mitzählt, kommt auf 32 Kehren, in denen sich die Straße den steilen Hang hinabwindet; auf drei Kilometer Luftlinie windet sich die Straße in Serpentinen neun Kilometer lang den Berg hinab und ermöglicht so, fast 1000 Höhenmeter mit passabler Steigung zu bewältigen. Dennoch: Die Schilder am Straßenrand klären uns darüber auf, dass an manchen Passagen bis zu 14 Prozent Gefälle zu erwarten sind. Zupackende Bremsen sind also dringend angeraten. Wir bewegen uns hier auf einer Route, die auch im Zuge der „Silvretta-Classic“ befahren wird, einer renommierten Rallye-Veranstaltung für historische Fahrzeuge, die alljährlich im Juli stattfindet. Kein Wunder also, dass uns in Partenen - und damit im Montafon-Tal angekommen – der Wunsch überfällt, umzukehren und die wunderbare Strecke gleich noch einmal in Angriff zu nehmen. Nur die fortgeschrittene Tageszeit bringt uns dann doch noch zur Vernunft, und so fahren wir das gut 40 Kilometer lange Tal über Schruns bis hinab nach Bludenz. Hier endet die zweitägige Tour: Wir machen Station im Schlosshotel und genießen beim Abendessen auf der überdachten Terrasse den Blick über die abendliche Altstadt und die Vorarl-Berge rundherum.

Wer mehr als zwei Tage mitbringt, kann diese Pass-Tour im Übrigen problemlos um einen Tag verlängern und zum Beispiel von Bludenz über die Bundesstraße 193 durch das Große Walsertal, dann über das Faschinajoch (1487 m) nach Damüls und von dort auf der L51 über das Furkajoch (1760 m) und Laterns nach Bregenz am Bodensee fahren. Eine solche Tour lässt sich zwischen Mitte Juli und Ende August mit einem abendlichen Besuch bei den Opern-Festspielen auf der Bregenzer Seebühne verbinden.

Weitere Informationen:
http://www.tirol.at/
http://www.vorarlberg.travel/

Dr. Ludwig Kürten

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