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04.01.2010

Kutschen, Phaetons und Trabanten, Teil 1

Die Geschichte des Karosseriewerks Meerane/Sachsen

1869 befand sich der westsächsische Raum mitten im größten Industrialisierungsprozess seiner Geschichte. Die Region zwischen Chemnitz, Zwickau und Glauchau war zur damaligen Zeit Zentrum der Textilindustrie. In jenem Jahr meldete auch der gebürtige Oschatzer Gustav Reinhold Hornig sein Stellmachergewerbe bei der Meeraner Stadtverwaltung an und erhielt prompt als ersten Auftrag, einen Leichenwagen für die Stadt Meerane zu bauen.

Die blühende Textilindustrie der Region sorgte für Nachfrage im Stellmachergewerbe: einerseits die benötigten Transportmittel für die Industriegüter, andererseits luxuriöse Kutschen für gut situierte Unternehmerfamilien. Hornigs drei Söhne sollten später den handwerklichen Kern des aufstrebenden Unternehmens bilden: einer lernte das Stellmacherhandwerk, ein anderer wurde Schmied und der dritte schließlich Sattler und Lackierer. Beste Voraussetzungen also, um sich im Fahrzeugbau endgültig zu etablieren.

Ein erster unternehmerischer Tiefschlag war im Jahre 1906 der Tod des Firmengründers, dem kurz darauf noch der zweitgeborene Sohn und Schmiedemeister Ernst Hornig folgen sollte. Anlaß, einen Schmied ins Unternehmen aufzunehmen, der gleichsam Mitinhaber wurde. Die offene Handelsgesellschaft "Gustav Hornig & Co." war geboren – und damit ein Markenname, der bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges für den Meeraner Karosseriebau stand.

Wirtschaftlicher Erfolg vor dem Krieg

In der selben Zeit fertigte die Firma ihre erste Automobilkarosse für ein Fahrgestell aus den Chemnitzer Presto-Werken. Eine geschlossene Limousine. In der kurzen Zeit bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges entwickelte sich die Hornig'sche Karosseriefabrik zu einem geachteten und vielbeauftragten Lieferanten für Kraftfahrzeugaufbauten. Doch der Krieg sorgte für wirtschaftlichen Niedergang auch in Meerane und im Rahmen der Umstellung auf Friedensproduktion nach 1918 mußte sich auch Hornig mit Haushalts- und Gebrauchgütern über Wasser halten. Doch die automobilen Frontheimkehrer, Armeefahrzeuge en masse, wollten schon bald gewartet, repariert oder umgebaut werden. Ein zögerlicher Aufschwung setzte ein, Hornig konzentrierte sich nur noch auf Kraftfahrzeuge und die Pferdewagenzeit war vorbei. Die Krisen der zwanziger Jahre schüttelten die Automobilbranche, reihenweise Hersteller gingen in die Pleite und Hornig bezahlte diese Entwicklung mit dem Verlust wichtiger Abnehmer: Dux in Leipzig, Presto und zu allem Überfluß auch noch Elite in Brand-Erbisdorf. Am Ende stand die Weltwirtschaftskrise 1929. Erst in den dreißiger Jahren und nachdem sich der Automobilmarkt gereinigt hatte, ging es für Hornig wieder aufwärts. Als Großlieferant für die Auto Union konnte sich die kleine Meeraner Wagenfabrik zwar nicht etablieren, dennoch entstanden bis zum Zweiten Weltkrieg unzählige Aufbauten auf DKW, Audi, Wanderer und für viele weitere Hersteller.

Als Rüstungsgüter fertigte Hornig im Zweiten Weltkrieg Kübelkarosserien für die Wehrmacht. Am 13, April 1945 besetzten amerikanische Truppen die Stadt. Hornig produzierte wieder einmal Gebrauchsgüter wie Handwagen und Möbel. Nach der Übergabe an die Rote Armee kamen auch die ersten Reparaturaufträge an Fahrzeugen. Gemäß dem Volksentscheid von 1946 wurde der Betrieb im Sinne der Besatzer-Ideologie enteignet. Der Firmenname wurde aus dem Handelsregister gestrichen und ab 1947 lautete die Bezeichnung "VEB IFA Karosseriewerk Meerane" als Teil der Industrieverwaltung Fahrzeugbau. Der Betrieb wurde zum reinen Zulieferer degradiert.

In Teil 2 lesen Sie, wie die Geschichte des Karosseriebauers weiter ging.

Sebastian Mai

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