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22.01.2010

Kutschen, Phaetons und Trabanten, Teil 2

Die Geschichte des Karosseriewerks Meerane/Sachsen

In Teil 1 unseres Portraits konnten Sie die Geschichte des Karosseriewerkes vor Gründung der DDR nachlesen. Hier geht es nun weiter.

Schon bald produzierten die alten Automobilwerke eine erste Erzeugnisgeneration nach dem Krieg. In Zwickau legte man bei Audi den DKW-Kleinwagen F8 wieder auf. Meerane steuerte unter schwierigsten Nachkriegsbedingungen Karosserien für Cabriolets und Krankenwagen bei, entwickelte sich dann jedoch vorrangig zum Lieferanten der F8-Lieferwagen und später Kombikarosserien. Ab 1954 fertigte man die Cabriolimousinen-Aufbauten für den F8-Nachfolger IFA F9, der seit 1953 in Eisenach gefertigt wurde. Damit war man in Meerane bei der Ganzstahlbauweise angekommen.

Doch nicht nur das. In dem zerklüfteten, mehrteiligen Werk, das von Anfang an unter seiner kleinstrukturierten Bausubstanz zu leiden hatte, wurden nach dem Krieg auch Fahrerhäuser für die LKW H3 und H3A aus Zwickau/Werdau produziert. Ab 1955 stieg man in die Produktion von Kombi- und Busaufbauten für die Kleintransporter der Framo-Werke in Hainichen ein.

Das wohl prächtigste Erzeugnis des VEB Karosseriewerke Meerane war aber ab 1957 die Coupé-Variante des Wartburg 311. Hier war das letzte Mal der Hauch von Luxus und Eleganz zu spüren, den die Hornig-Werker, allen voran der alte Konstruktionsleiter Erich Lüsebrink, als ihre Berufsehre verstanden. Knapp 3 Jahre durfte man Wartburg-Coupés bauen, doch mit dem Jahr 1960 war damit Schluß und die ehemaligen Gläser-Karosseriewerke Dresden übernahmen diese Aufgabe.

Letzte Station Trabbi

In Meerane schlug man indes das letzte Produktionskapitel der Betriebsgeschichte auf: Die Produktion der Kombikarosserien für das neue PKW-Modell Trabant P50. Wieder war es Erich Lüsebrink, der die Entwürfe zeichnete, wieder mußten unsägliche Schwierigkeiten überwunden werden und oft unter widrigsten Bedingungen produziert werden. Die Kombikarossen für die Typen Trabant P50 und P60 (1959-65) entstanden komplett einschließlich Bodengruppe in Meerane – aber zum größten Teil auf Bleiwerkzeugen, also Behelfswerkzeugen, da die nötigen Blechpressen noch gar nicht zur Verfügung standen. Nur durch Fleiß und Ideenreichtum der Arbeiter und Ingenieure erreichte man in Meerane Stückzahlsteigerungen von Jahr zu Jahr. Die fertigen Trabantkarosserien wurden auf der "längsten Taktstraße der Welt" – d.h. auf Spezialanhängern, per LKW ins 20km entfernte Zwickauer Sachsenringwerk transportiert und dort mit Motor und Fahrwerk komplettiert. 1964 gelang den Zwickauern im Rahmen einer Schwarzentwicklung der Schritt zum Trabant 601. Meerane folgte ein Jahr später mit dem Kombi, der nun "Universal" hieß. Niemand ahnte, daß dieses Fahrzeug für 25 Jahre einziges Produkt des Betriebes sein sollte. Die Produktion des P601 Universal verlief um längen rationeller: jetzt kamen fertige Bodengruppen samt Vorbau aus Zwickau, die in Meerane nur noch mit dem Kombi-Stahlblechgerippe komplettiert werden mußten. Danach beplankte man die Karosserien mit den Duroplast-Außenteilen. Lackierung, Montage der Fahrzeugelektrik, der Verglasung und auch der Inneneinrichtung erfolgte ebenfalls in Meerane. Danach wurden die fertigen Karosserien wie auch beim Vorgängermodell nach Zwickau zur Endmontage transportiert. Ab 1966 fertigte man in Meerane auch die Trabant-Kübelkarosserien für Einsatzzwecke beim Militär und in der Landwirtschaft.

Bis 1990 sollte es dabei bleiben, ab 1988 erfolgte die Entwicklung des Viertakters Trabant 1.1, der aber für Meerane fast keine Änderungen bedeutete, da die Karosserie in ihren Grundzügen die selbe blieb. Die geänderten Blechpartien wurden allesamt in Zwickau gefertigt, während sich in Meerane nichts weiter änderte als einige Teile der elektrischen Anlage und der Innenausstattung. Als im Mai 1990 der Trabant 1.1 in die Serienfertigung ging, war sein Ende schon abzusehen. Unter marktwirtschaftlichen Bedingungen hatte das Fahrzeug keine Chance – da halfen weder seine unglaubliche Robustheit noch bunte Prospekte. Am 23. April 1991 rollte die letzte von mehr als 700.000 Trabantkarosserien vom Meeraner Band – direkt ins Stadtmuseum. Die Geschichte der Wagenfabrik des Gustav Reinhold Hornig war damit zu Ende. 2006 feierte man in der Stadt 100 Jahre Karosseriebau. Die alten Fabrikhallen überlebten nicht – vom Werk sind heute nur noch einige Reste übrig.

Sebastian Mai

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