banner AvD
Banner des AVD - Automobilclub von Deutschland

31.05.2015

Laufsteg der Eitelkeiten

Mille Miglia 2016

Im Rückspiegel

Wenn sich im Mai Hunderte von seltenen, hochglänzenden Oldtimern - überwiegend besetzt von selbstbewussten und schönen Menschen - von Brescia nach Rom und zurück nach Brescia bewegen, ist die Oldtimersaison eröffnet! Die „1000 Miglia“ sind eine einzigartige Genussreise durch Italien, sind aber auch ein anstrengendes Straßenrennen mit strahlenden High Lights! Die 1000 Miglia 2015 bot eine gelungene Mischung von beidem!

Wir danken Suzanna Cebular (Nr. 8), Jayson Fong (Nr. 1+2, 4-6, 9, 12), Dr. Klaus Graff (Nr. 3), Wolfgag Kurth (Nr. 7+11) und Theo Wellmann (Nr. 10) für die tollen Fotos!


Seit 2014 ist die Mille Miglia um einen Tag auf 4 Tage verlängert worden. Das heißt aber nicht, dass die Veranstaltung weniger anstrengend geworden ist: die Strecke wurde um 200 km und 20 Wertungsprüfungen verlängert!

Gut, an manchen Tagen beginnt der Start der ersten Fahrzeuge erst um 5:50 oder 6:20 Uhr, aber dafür ist man dann schon gegen 21:00 am Ziel – wenn es denn keine Probleme gab!

Schon bei der Fahrzeugabnahme auf dem Messegelände von Brescia wurde die „Klasseneinteilung“ des Teilnehmerfeldes deutlich: die auf Sieg fahrenden Teams saßen in Cockpits, die sich kaum von dem eines A320 unterscheiden (das Reglement der Mille Miglia erlaubt alle – wirklich alle – technischen Hilfsmittel!). Wer vorne dabei sein möchte, kommt um den Einsatz von GPS, Schnittcomputern, Navigationsgeräten, digitalen Stoppuhren, elektronischen Wegstreckenzählern, doppelten Pick Ups für die Wegstrecke nicht herum – sämtliche Wertungsprüfungen sind dann selbstverständlich auch in ein geeignetes Programm auf einem i-Pad einprogrammiert!

Die Mehrzahl der Teilnehmer – auch wir – verfügten nur über Equipment, das deutlich unter dem Niveau modern ausgestatteter Küchen lag: mechanischer Tripmaster, Schnitttabellen, Stoppuhren.

Viele Teams wurden von den Herstellern so umfangreich betreut, dass man sich in einem F1 Paddock wähnte. Stirling Moss hätte bei seinen MM Auftritten in den 50er Jahren nicht die Phantasie gehabt, von solcher Werksunterstützung zu träumen. Die Werksmuseen und Sammler haben aber auch alle ihre Preziosen an den Start gebracht!

Es war sicher ein mehrere hundert Millionen teures Feld, das in den kommenden Tagen die Straßen von Brescia über Ferrara und Rimini nach Rom und zurück über Sienna, Lucca, Parma und Monza nach Brescia unter die Räder nahm.
Alle Automarken, die die 50-jährige Geschichte der Mille Miglia prägten, glänzten wie vor 50, 60 ja 80 Jahren! Von Alfa Romeo und Amilcar bis hin zu Zanussi und Zagato waren alle Marken vertreten, welche die Mille Miglia einmal dominiert oder auch nur „aufgefüllt“ haben.

Um dem Start der Mille Miglia etwas von der Atmosphäre der frühen Jahre zu geben, findet die nur noch symbolische „Versiegelung“ der Fahrzeuge traditionell auf der Piazza della Loggia statt. Hier bekommen wir, bevor es eigentlich los geht, einen ersten, aber nachhaltigen Eindruck von dem, was uns in den kommenden Tagen stets begleiten sollte: eine leicht chaotische Organisation, die manchmal zu kollabieren drohte – die aber am Ende immer funktionierte! Einfach toll! Italienische Lebensart „at its best“!
Ist man als regelgewohnter Nordeuropäer von der scheinbaren Unordnung und der Ahnungslosigkeit der vielen Helfer noch stark verunsichert, weicht dieses Gefühl doch schnell einem tiefen Vertrauen – es wird schon irgendwie funktionieren. Und es hat immer funktioniert!

Den „Road Scouts“ der Mille Miglia 2015 ist es gelungen, eine besonders attraktive Streckenführung in einem (abgesehen von einigen Distanzfehlern) perfekten Road Book zusammenzustellen. Es lohnt sich, das 2015er Road Book ins Regal zu den Reiseführern zu stellen, die man immer wieder gern für Urlaubsfahrten zu Rate zieht.

Zeitkontrolle an der Arena von Verona, Erfrischungen im Palazzo dell’Arengo in Rimini, Fahrt durch die Altstadt von Siena, Durchfahrtskontrolle am Schiefen Turm von Pisa, Wertungsprüfungen auf der Wallanlage von Lucca … sind nur einige der vielen touristischen Höhepunkte auf der 2015er Strecke; ganz zu schweigen von den Wertungsprüfungen in dem Autodromo di Monza, inklusive der Curva Grande, Lesmo 1, Variante Ascari etc.

Ging es noch vergleichsweise zügig durch die Regionen der flachen Poebene im Nordosten Italiens, nahmen die Steigungen ab San Marino langsam zu; die Streckenführung wurde kurviger, und ab Rom verschmolzen die Fahrzeuge der Mille Miglia mit der Postkartenidylle der Toskana. Zwischen Hügeln, die Höhen besetzt von Villen, Gutshäusern oder Burgen, schlängelten sich die Straßen durch kleine Dörfer und Städte bis hoch in die Reggio Emilia.

Die Mille Miglia 2015 war eine der ganz wenigen Veranstaltungen der jüngeren Vergangenheit, in der es einmal nicht regnete. Der Himmel war „azzuro" ! Vielleicht lag es daran, dass überall, aber wirklich überall die Teilnehmer von begeistert winkenden Zuschauern begrüßt wurden. Ältere Damen, die sicher noch Fangio und Moss zugejubelt haben, auf Campingstühlen, ihre Enkel auf ihrem Schoß, die Fähnchen schwenkend, vermutlich ohne zu wissen warum, alle waren begeistert und hatten Spaß.

In der Mitte der zahlreichen Kreisverkehre (157 allein auf der letzten Etappe Parma – Brescia!!) hatten sich viele Fangruppen dauerhaft eingerichtet. Sie gaben klar zu verstehen: ein Runterschalten vor dem Kreisverkehr würde nur unnötig Geschwindigkeit vernichten! Dennoch gab es in einigen, langgezogenen Kurven Schilder mit der Aufforderung „Slower“. Dort saßen die Edelfans hinter dekorativen Strohballen an weiß gedeckten Tischen unter Sonnenschirmen und prosteten den vorbeifahrenden Teilnehmern mit Prosecco (?) zu!

In den Städten mit Zeit- oder Durchfahrtskontrollen konnten die Fahrzeuge die Menschenmengen teilweise nur im Schritttempo durchpflügen. Diese Aufmerksamkeit galt aber nicht nur den ersten Autos des MM Feldes oder den besonders spektakulären Karossen, sondern auch noch denen ganz am Ende oder den Fiat Topolinos, denen ganz besonders!

Schon allein diese ehrlich erscheinende, neidlose Begeisterung ist es wert, die Mille Miglia auch als Besucher zu erleben. Durch dieses Publikum ist die Mille Miglia, was sie ist!

Ach ja: Schnell gefahren wurde auch noch! Besonders die Abschnitte, die direkt hinter den Polizeieskorten gefahren wurden, hatten ihren ganz besonderen Reiz: 122 km/h war unser Spitzenwert, gemessen zwischen zwei Kreisverkehren in Viterbo. Mit Sicherheit war das aber nicht der Streckenrekord!
Wer da nicht mit der Eskorte mithalten konnte, wurde von den Tieffliegern auf ihren BMW 850er mit einem rückwärtsgewandten, mitleidigen Blick dauerhaft gedemütigt.
Aber auch ohne Polizei in Sichtweite war man unter den Teilnehmern nicht zimperlich: vor Kreisverkehren oder Kreuzungen kamen wir uns vor wie in der Anbremszone der Mercedes Kurve auf dem Nürburgring! Aber gewonnen haben nicht die Racer, sondern die Uhrmacher, die Buchhalter – also die, die am präzisesten fahren können!

Gesamtsieger wurden, wieder einmal, TONCONOGY/BERISSO aus Argentinien auf einem Bugatti T40 mit einer Abweichung von 2,89 Sekunden von der Sollzeit – nach 76 Zeitprüfungen und 8 Gleichmäßigkeitsprüfungen!!
Der frühere Abonnementssieger Guiliano Cané lag auf Platz 10 schon 9,22 Sekunden daneben – in dieser Szene eine Ewigkeit!
Bestes deutsches Team wurden auf Platz 61 ROTHENBERGER/KAPITZA auf einem Mercedes Benz 710 SSK!
Drei weitere deutsche Teams kamen unter die Top 100 (von 460). Glückwunsch!
Mit unserer Abweichung von 46,36 Sekunden landeten wir auf Platz 110; trotz zweier garvierender Stockfehler und unserem Küchenequipment!

Von vielen Teilnehmern war zu hören, dass die Mille Miglia 2015 zu den besten der letzten Jahre zählte. Sicher hat das perfekte Wetter zu dieser Einschätzung beigetragen. Aber auch die Streckenführung, die Organisation (man muss nur seine nordeuropäische Erwartungshaltung ablegen) und ganz besonders das tolle Publikum haben diese MM zu einer ganz besonderen werden lassen!

Alla prossima volta!

Wolfgang Kurth

Kommentieren Sie diesen Artikel.


Volltextsuche

Ihre Suche

Events

zum Seitenanfangzum Seitenanfang