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13.09.2013

Mille Milgia 2013

Mille Grazie!

In unregelmäßigen Abständen bringen wir Beiträge aus Teilnehmer-Sicht. Heute berichtet Wolfgang Kurth von der Mille Miglia 2013.

„In jeder Mille regnet es an einem Tag!“ sagen die Mehrfachteilnehmer. Nun gut, dann haben wir diesen Tag schon am Anfang hinter uns, denken wir uns, als wir unseren Bugatti T35 A der Technischen Abnahme auf der Piazza della Loggia in Brescia präsentieren. So richtig Spaß, dieses rollende Automobilmuseum noch einmal in Ruhe zu genießen, hat man bei dem Regen wirklich nicht. Dem „Letzten Mahl“ auf dem Klosterhof Sant'Eufemia della Fonte, von wo aus die Teilnehmer zur Startrampe auf der Viale Venezia rollen, ziehen wir eine trockene Espresso Bar am Piazza della Loggia vor. Wir gehen noch einmal das dreiteilige Road Book durch, versuchen die Wertungsprüfungen zu verstehen – es sollte schon klappen. Unser Ziel: ankommen!

Pünktlich um 18:51, der Startzeit für unsere # 22 (die 415 Teilnehmer werden alle 20 sec gestartet), rollen wir über die Startrampe in den Regen.

1. Etappe: Brescia – Ferrara 255 km, 5 Stunden 45 Minuten, 16 Wertungsprüfungen

Trotz des miserablen Wetters bekommen wir einen Eindruck, welche Begeisterung die MM bei den Italienern auslöst: Hunderte von Zuschauern lassen sich vom Regen nicht davon abhalten, die Teilnehmer auf den Weg zu schicken. Ich bin sicher, auch der letzte Starter wird noch gefeiert.

Angesichts des norditalienischen Landregens haben wir uns für die „schweren“ Segeloveralls entschieden, die Ledersitze sind mit farblichen zum Wagen passenden blauen Müllsäcken bezogen. Sollte sich die Sonne im Laufe der Veranstaltung doch noch einmal zeigen (also hoffentlich morgen!), wollen wir ja nicht auf vollgesogenen Polstern sitzen!

Es läuft gut. Verfahren kann man sich nicht – das hatte ich noch von meiner ersten Teilnahme vor vielen Jahren in Erinnerung. Entweder man „jagt“ hinter einer Polizeieskorte hinterher oder man folgt einfach den vielen, vielen roten „1000 Miglia“ Pfeilen, die jede Richtungsänderungen anzeigen. Eine sehr verlässliche Orientierungshilfe sind auch die zahlreichen Zuschauer, die an jeder Abbiegung darauf warten, dass insbesondere die großvolumigen Vorkriegswagen mit ohrenbetäubendem Lärm aus der Kurve heraus beschleunigen. Die Zuschauer sind auch eine gute Indikation für den Schwierigkeitsgrad einer Kurve: je mehr Zuschauer, desto schwieriger! Mille Grazie dafür!

Nach 40 km kommen die ersten Wertungsprüfungen: 4 Abschnitte von zusammen knapp 1.5 km mit unterschiedlichen Durchschnittsgeschwindigkeiten sind zu befahren. Es läuft weiterhin schön, wir haben ein richtig gutes Gefühl! Natürlich spielen wir nicht in der Liga derjenigen, für die eine Abweichung im Bereich von hundertstel Sekunden schon eine mittlere Katastrophe darstellt. Aber unserer Küchenuhr - Technologie hat uns bestimmt unter die Top 200 katapultiert!

Am Gardasee vorbei geht es durch Verona nach Vicenza und dann nach Padua. Die letzte Serie von Wertungsprüfungen in dieser Nacht liegt vor uns! Wenige Meter vor dem Start (wir sehen schon das gelbe Schild, das die Wertungsprüfung anzeigt) halten wir noch einmal kurz, um die Zeiten zu überprüfen, und dann geht's los: beim Einlegen des 1. Ganges bricht der Schalthebel! Direkt im Auge, durch das die Schaltwelle führt, in der Schaltkulisse!

War’s das? Nach fast 90 Jahren bricht dieses Teil! Warum gerade jetzt? Zumindest hat es aber wohl länger gehalten, als von E. Bugatti jemals beabsichtigt: für ihn sollte ein Bugatti nicht unbedingt länger als ein Rennen halten!

Was tun? Die Mechaniker stellen recht schnell fest, dass das Problem nicht mit Bordmitteln zu lösen ist. Ich höre nur: „Schweißen“. Nachts? Mittlerweile war es fast 23:00 Uhr geworden! Mitten in Montecchio Maggiore – 30 km vor Padua und 110 km vor unserem Etappenziel Ferrara?

Ich erinnere mich an die große Begeisterung der Italiener für ihre Helden der „echten“ Mille Miglia, den Varzis, Nuvolaris, Biondettis und den vielen anderen. Innerhalb kurzer Zeit finde ich unter den Zuschauern einen deutschsprechenden Italiener, einen ehemaligen Eisverkäufer aus Hamburg! Er verschwindet im Dunkeln und kommt nach wenigen Minuten gestikulierend zurück. Wir schieben den Bugatti in eine erleuchtete Werkstatt, mehr eine Hinterhofgarage. Mir kommt sie aber vor wie ein Paradies. Alles war da, Werkbank, Metallsägen, Schraubstöcke, Rohre und vor allen Dingen ein Schweißgerät!

Wir werden erwartet von dem fast 70 jährigen Patron, den man aus dem Bett geholt hat und der sich nur seinen roten Werkstattkittel übergeworfen hat! Um es kurz zu machen: Carlo hat unser riesengroßes Problem gelöst! Wir müssen allerdings die Schaltkulisse vollständig ausbauen, um überhaupt schweißen zu können. Mit einer Auspuffschelle blockieren wir den Schaltweg in den Rückwärtsgang. Es wäre zu gefährlich, statt in den 2. Gang versehentlich in den Rückwärtsgang zu schalten. Carlos spontane Reparatur hat uns im Rennen gehalten, das reparierte Stück sollte erst nach der Veranstaltung durch ein neu angefertigtes Ersatzteil ersetzt werden! Mille Grazie, Carlo!

Um noch einigermaßen in der Zeit zu bleiben, geben wir jetzt die Wertungsprüfungen 15 und 16 auf, werden dafür je 12.000 Strafpunkte kassieren und fahren auf der Autobahn nach Ferrara, um dort noch einigermaßen in der vorgegeben Zeit die Durchfahrtskontrolle zu passieren. Mit unserer Startnummer 22 hätten wir schon vor fast 2 Stunden in Ferrara sein sollen. Jetzt rollen wir mit Startnummer 250 und höher über eine Rampe, um uns den Kontrollstempel zu holen.

Unglaublich, welch ein Treiben noch am frühen Morgen bei leichtem Nieselregen die Straßen belebt! Die Lokale sind noch hell erleuchtet, Zuschauer, alt und jung, sitzen auf Campingstühlen und feiern auch noch nach 200 Autos die Fahrer auf ihren letzten Metern zum Etappenziel! Mille Grazie Aficionados!

2. Etappe Ferrara –Rom 563 km, 13 Stunden 15 Minuten, 19 Wertungsprüfungen

Eigentlich hätten wir uns das „Schlafen“ sparen können; nach etwas mehr als zwei Stunden müssen wir uns schon wieder entscheiden, ob wir auch heute die Segeloveralls anziehen. Die Wettervorhersage ist leider nicht eindeutig, verspricht aber Sonne auf den letzten Kilometern nach Rom. Also kommt die Segelausrüstung in das Servicefahrzeug. Die Teamjacken müssen reichen! Über Ravenna erreichen wir schon nach 170 km die Republik San Marino und damit die ersten Wertungsprüfungen. Wir haben uns schon ziemlich an den Ablauf gewöhnt. Die normalerweise gesperrte Altstadt (während der Mille Miglia ist entlang der Strecke aber nichts „normal“) ist einfach beeindruckend durch ihre wuchtigen Bauten. Die Fahrer der mächtigen Vorkriegsfahrzeuge haben ihre Mühe, die Wagen um die engen Kurven zu wuchten.

Kaum haben wir San Marino verlassen, wird die Luft verdächtig feucht, und je höher wir uns in den Apennin schrauben, desto stärker wird der Regen. Auf knapp 1.000 m Höhe fahren wir durch Graupelschauer! Gott sei Dank wird es wieder „nur“ kühler Regen, je mehr wir uns Sansepolcro, der Mittagsstation, nähern. Nur noch einmal 5 miteinander verknüpfte Wertungsprüfungen, dann haben wir die ersten 270 km des Tages hinter uns. Und jetzt, einige Kilometer vor Sansepolcro, passiert es: wir sehen zum ersten Mal auf der MM 2013 die Sonne!

An einem mittelalterlich gekleideten Empfangskomitee vorbei tauchen wir in die dazu passende Kulisse ein – Italien hat für die MM seine Wohnzimmer geöffnet! Wir halten uns an den Rat Giuliano Canés und nehmen die Einladung zum Lunch nicht an, sondern verbinden wir tanken und eine schnelle Pasta an der nächsten Tankstelle. So entgehen wir dem Gedränge um Mensch und Maschine.

Die schnellen Spaghetti an der Tanke schmecken richtig gut – endlich gibt es mal etwas Warmes! Der Appetit ist allerdings sofort verflogen, als uns einige Zuschauer darauf aufmerksam machen, dass ein kräftiger Wasserstrahl aus dem Kühler unseres Bugattis schießt! Nein, bitte nicht schon wieder ein technisches Problem!

Doch! Eine Lötstelle an der Kühlerwabe hat sich durch Vibrationen geöffnet! Ein mitleidiger Kollege aus Hamburg lässt vorsichtshalber einen Metallkleber aus seinem Ersatzteillager bei uns zurück. Mille Grazie, Kollege!

Nach Abkühlen, Abdichten und Auffüllen sind wir wieder einmal knapp 2 Stunden hinter unserem Fahrplan. Wieder treffen wir die Entscheidung: Autobahn anstelle von Wertungsprüfungen! Der Plan ist, bei Terni, knapp 100 km vor Rom, unsere Kollegen auf der Road Book Strecke wieder einzufangen – das kostet uns zwar 10 Wertungsprüfungen und satte 120.000 Punkte, aber wir können innerhalb unserer Startreihenfolge nach Rom fahren.

Die Autobahnausfahrten Umbertide, Perugia, Assisi, Spoleto rasen an uns vorbei – schade, sehr schade! Aber es klappt! Wir fahren von der Autobahn und sehen nach kurzer Zeit die # 21 vor uns!

Je näher wir jetzt Rom kommen, desto schneller wird gefahren. Die Polizei auf ihren Motorrädern pendelt zwischen einzelnen Fahrzeuggruppen und treibt die Fahrer geradezu an: 80, 100, 120 km/Std im Freitagsabendverkehr in Italien, das hat schon seinen Reiz!

Die Einfahrt nach Rom bei untergehender Sonne ist großes Kino! Die Polizei eskortiert uns an allen Sehenswürdigkeiten vorbei, die der anspruchsvolle Reiseführer für Rombesucher empfiehlt, bis direkt zur Zielrampe an der Engelsburg! Eine derartige Logistik, die Bereitschaft der römischen Autofahrer, (sehr) gute Miene zu bösem Spiel zu machen, der Jubel der Zuschauer, die sich überschlagenden Stimmen der Ansager auf der Rampe… Wir versuchen, uns so einen Empfang in unserer Hauptstadt vorzustellen! Rom werde ich so bald nicht wieder vergessen. Mille Grazie Roma!

3. Etappe Rom – Brescia 736 km, 16 Stunden 15 Minuten, 26 Wertungsprüfungen

Start des ersten Fahrzeugs 6:15 Uhr! Die Nacht war erholsam, 4 Stunden Schlaf! Auch das Wetter sieht richtig gut aus. Die Segeloveralls bleiben im Servicewagen, die Müllsäcke werden von den Sitzen gezogen.

Die ersten Sonderprüfungen finden auf dem ehemaligen F1 Kurs Vallelunga, nördlich von Rom statt. Eine schöne Strecke, jedenfalls für unseren Schnitt, 49,96 km/h – vielleicht sieht es aber bei jenseits von 200 km/h ganz anders aus!

Die nächsten Wertungsprüfungen sind endlich einmal etwas länger, in Summe fast 12 km! Sie führen an dem wunderschönen Lago di Vico vorbei. Wie so oft bei einer Rallye sage ich mir: bei nächster Gelegenheit fährst du die Strecke „privat“ noch einmal ab!

Nach Viterbo wird es historisch: wir nähern uns Raticofani, Siena und Florenz! Die Landschaft ist so, wie sie uns von Postkarten vermittelt wird: ockerfarbene Villen auf sanften Hügeln mit Zufahrten, die von Zypressen besäumt werden. Die Durchfahrtskontrollen in Siena und Florenz sind einfach nur Wahnsinn. Man fühlt sich an jeder Ecke willkommen, die Zuschauer (oder sind es eher Zuhörer?) genießen ganz offensichtlich den Anblick der alten Autos und den kreischenden Sound, der von den Häuserwänden der engen Gassen reflektiert wird. „Bella machina!“ hört man immer wieder.

Je näher wir dem Ziel kommen, desto mehr habe ich das Gefühl, wir befinden uns mitten drin in einem Straßenrennen. Es wird einfach nur noch gerast, rote Ampeln werden ignoriert, in Linksabbiegerspuren wird geradeaus gefahren. Nicht umsonst sagt man, 20.000 Strafpunkte in Flensburg wären der Durchschnitt für jeden halbwegs ambitionierten MM Teilnehmer. Damit aber kein falscher Eindruck entsteht: die Polizei ist allgegenwärtig und hat schon ein waches Auge auf das, was da vor ihren Augen abläuft.

An den Hängen in den Kurven des Raticosa und Futa Pass sitzen die Fans (erstaunlich viele aus Deutschland) wie die Vögel in Nestern und feuern jeden an, der vorbei rast – gleichgültig, welche Fahrzeugmarke am Kurveneingang auftaucht. In den Bergen machen sich allerdings die zahlreichen Servicewagen unangenehm bemerkbar, teilweise wird ein Teilnehmer von drei (!) Sprintern begleitet, die ihren „Kunden“ vor den nachfahrenden Fahrzeugen abschirmen. Eine sehr störende und teilweise auch nicht ganz ungefährliche Entwicklung der Veranstaltung. Wir beschränken uns auf dieser Etappe auf die notwendigsten Pausen; eigentlich haben wir nur getankt und ansonsten die schnelle Fahrt in unserem Bugatti unter blauem Himmel in herrlicher Landschaft genossen. Mit 1 Stunde Vorzeit kommen wir an der vorletzten Zeitkontrolle in Anzola dell'Emilia an – als erstes Fahrzeug! Jetzt nur noch nach Mugello und Modena und über Cremona nach Brescia, nur noch 274 km! Wir genießen die Pause und freuen uns darauf, mit den ersten Autos auf die Zielrampe in Brescia zu fahren.

Nachdem die # 20 durch die Zeitkontrolle gefahren ist, starte ich den Motor und will mich hinter die Startnummer # 21 einfädeln. Gang rein und……nichts!! Das Getriebe lässt sich nicht mehr schalten!

Nach gut 40 min Wartezeit sind unsere Mechaniker da und stellen relativ schnell fest, dass die Auspuffschelle, die wir in der ersten Nacht in Padua zur Blockierung des Rückwärtsgangs um die Schaltwelle gelegt hatten, sich gelöst hat und die Gänge nicht mehr präzise eingelegt werden können. Zwei Gänge blockieren sich gegenseitig. Nach mehr als einer Stunde hinter unserer Sollzeit passieren wir endlich die Zeitkontrolle! Mille Grazie Peter und Jörg!

Die letzte Wertungsprüfung der Veranstaltung findet auf dem Ferrari Kurs Fiorano in Mugello statt. Eine einfache Übung, keine verknüpften Zeitprüfungen, nur eine Runde. Aber auch dabei kann man Fehler machen! Vor lauter Ergriffenheit, auf Michael Schumachers Gummi zu fahren, hat mein Co-Pilot vergessen, die Stoppuhr zu starten! Wir orientieren uns an dem vor uns gestarteten Wagen und liegen bei Zieldurchfahrt sicherlich satt neben der Zielzeit!

Zu allem Überfluss fängt es jetzt auch wieder an zu regnen! Bei zunehmender Dunkelheit, stärker werdendem Regen und dem blendenden Licht entgegenkommender Fahrzeuge sind die letzten 230 km keine wirkliche Freude. Erst als wir uns in Brescia in die lange Schlage der Fahrzeuge einreihen, die darauf warten, über die Rampe zu rollen, – das Siegerteam Tonconogy / Berisso aus Argentinien auf einem Bugatti T40 war sicher schon lange im Hotel - haben wir Zeit, über die hinter uns liegenden 1.600 km nachzudenken.

Es gibt nur einen Schluss: Mille Grazie Italia!

Und sonst?

- Es ist fast unvorstellbar, dass bereits der Sieger der Eröffnungsveranstaltung 1927 diese Strecke in 21:04,48 bewältigte, von den 10:07,48 die Sterling Moss 1955 benötigte, gar nicht zu reden.

- Die MM ist mit über 400 (!) Fahrzeugen ein rollendes Museum, eingebettet in die schönsten Landschaften Italiens. Meist sind es die automobilen Highlights der Jahre 1927 bis 1957, die Periode der „echten“ Mille Miglia. Wie allerdings ein Jaguar D-Type seinen Weg in das Startfeld fand, erschließt sich vermutlich nur Wenigen.

- Zuschauen lohnt sich immer, die Autos, die Umgebung, das Essen und Trinken und die riesige Begeisterung der Italiener sind es wert.

- Ach ja, mit Regen muss man allerdings immer rechnen!

Die Top Ergebnisse deutscher Teilnehmer:

- 10. Wirth / Geistdörfer BMW 328 Coupé Touring

- 31. von Baumbach / von Baumbach Porsche 550 Spyder 1500 RS

- 46. Dauphin / Simon BMW 328 Coupé (DAS Damenteam!)

Wolfgang Kurth

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