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13.09.2013

Modena Cento Ore: quo vadis?

Seit 2000 ist die Modena Cento Ore DIE italienische Ausgabe der legendären Tour Auto!

In unregelmäßigen Abständen bringen wir Beiträge aus Teilnehmer-Sicht. Heute berichtet Wolfgang Kurth von der Modena Cento Ore 2013.

Nachdem das Interesse der Teilnehmer in den letzten Jahren etwas nachgelassen hatte, liegt die Organisation seit 2012 in den Händen des jungen Teams „Scuderia Tricolore“ um Luigi Orlandini. Wie die Tour Auto bietet die Cento Ore den Startfeldern Competition und Regularity eine abwechslungsreiche Mischung aus Rennstrecken (Circuito di Modena und Mugello) und Wertungsprüfungen in den Bergen zwischen Modena und Florenz.

Die zweite Auflage der Modena Cento Ore unter der neuen Leitung ist Anlass, unseren Bugatti T35A heute aus dem Transporter auf dem Parkplatz des Hotel Rechigi in Modena rollen zu lassen.

Anders als in der Vergangenheit (und auch anders als bei der Tour Auto!) besteht das touristische und gastronomische Rahmenprogramm aus einer Aneinanderreihung von Highlights! Aber auch auf dem Parkplatz glänzen die Preziosen:

- BMW 328

- Ferrari 250 GT SWB

- Porsche 906(!)

- Ferrari 275 GTBs

- Ferrari 308 GTs

- Jaguar XK 120 OTS…….

Ein kleines Starterfeld von knapp 40 Fahrzeugen macht sich am späten Vormittag des 5. Juni auf den Weg zu den ersten Wertungsprüfungen in den Bergen südwestlich von Modena. Zu unserer großen Enttäuschung darf unser Bugatti aber laut italienischer Regularien – er hat keinen Überrollbügel (!) und keine Gurte (!) – nicht in der Competition starten! Wir protestieren und erhalten noch vor der ersten Wertungsprüfung von der Rennleitung per sms doch noch das das OK. Wir bleiben in der Competition! Ein Überrollbügel im Bugatti sähe ja auch zu blöd aus! Auf das Road Book können wir uns verlassen, es ist präzise und vollständig. Der vom Veranstalter gelieferte, sehr detaillierte „Aufschrieb“ für die Wertungsprüfungen könnte kaum besser sein!

Schon auf den ersten Wertungsprüfungen stellen wir fest, dass die Strecke wirklich abgesperrt ist! Jeder Zugang entlang der Straße ist blockiert! Für die Besatzung eines Bugatti T35A, die mit Höchstgeschwindigkeit durch die z.T. schlecht einsehbaren Kurven „rast“, wäre die Begegnung mit einem unerwarteten Hindernis schon eine Herausforderung – für die Kollegen im Porsche 906 eine Riesengefahr!

Die deutlich erkennbaren Sicherheitsmaßnahmen schaffen Vertrauen, und schon beginnen wir, die Streckenführung zu genießen. Auf dem Circuito di Modena teilt sich die Gesellschaft sehr schnell auf: der Porsche 906 (Zumtobel/Monego) fährt in einer anderen Liga, dahinter balgen sich eine AC Cobra (Freeman/ Ellis), der Mustang Shelby GT350 von Studer/Wäspe und der E-Type von Berstein/Hupertz. Mit respektvollem Abstand folgt der Rest des Feldes - und unser T35A jagt alle vor sich her!

Ach ja! Das Wetter ist für offene Pre War Fahrzeuge immer ein Spaßfaktor. Jetzt erwischt es uns auf der Fahrt zurück zum Hotel: wir fahren teilweise unter Wasser!

Der Hotelföhn hat stundenlang ganze Arbeit geleistet: Overall und Helm sind heute Morgen wieder trocken! Vor uns liegen fast 280 km, noch einmal 10 Runden auf dem Circuito di Modena, 4 Wertungsprüfungen und das Etappenziel Florenz. Bei den Runden auf dem Circuito di Modena erlebenen wir nahezu identische Positionskämpfe wie am Vortag. Doch in der 7. Runde, eingangs der Start- und Zielgeraden, passiert es: Freeman in der Cobra ist zu früh wieder auf dem Gas, dreht sich und trifft den Jaguar E-Type von Bertsein/Hupertz hinten links am Kotflügel! Beide können (zwar etwas langsamer und stark qualmend) das Rennen zu Ende fahren. Im Paddock zeigt sich aber, dass beide Fahrzeuge nicht unerheblich beschädigt sind: High Time für die Mechaniker! Es wird hektisch telefoniert, Werkzeugkisten, Zuggurte und vor allen Dingen zahlreiche Rollen Race Tape werden ausgepackt. Ist das das Aus? Schon am zweiten Tag?

Ein Teil der Streckenführung ist heute identisch mit der der Mille Miglia – nur geht’s von Norden nach Süden! Bis zum Mittagessen genießen wir die Landschaft – ich stelle mir unseren hellblauen Bugatti als Teil einer Postkarte mitten in der sanften toskanischen Hügellandschaft vor, wir durchfahren alte Städtchen, genießen einen Espresso an der Tankstelle, ein „Fachgespräch“ mit den anderen Teilnehmern – hier fühlt sich die Modena Cento Ore fast wie eine Urlaubsreise an! Kurz vor der Wertungsprüfung 4 rast die Cobra an uns vorbei! Glückwunsch! Die Frontpartie sieht nach wie vor zerknautscht aus – aber Mr. Freeman bleibt im Rennen! Von dem E-Type ist nichts zu sehen!

Jetzt werden die Wertungsprüfungen länger und die Kurven enger – wir nähern uns dem Futa Pass! Und wieder erwischt es uns! Zum Regen kommt jetzt noch der Graupel!

Die Mittagspause in unmittelbarer Nähe der sicher beeindruckenden Santuario Bocca di Rio verbringen wir mit Wäschewechsel (Hoffentlich hat das Hotel in Florenz einen leistungsfähigen Fön!). Ich verspreche, bei Sonne komme ich noch einmal wieder! Für das Team Berstein/Hupertz mit dem Jaguar E-Type scheint aber sicher die Sonne – sie sind nach dem Austausch eines kompletten Radträgers wieder dabei!

Noch zwei Wertungsprüfungen, nur noch 60 km, dann müssten wir Florenz unter den Rädern haben. Es wird langsam wieder heller und vor allen Dingen trockener. Plötzlich zieht der Polizist auf dem Motorrad, der schon seit der Mittagspause als Schlusslicht der Competition Class hinter uns fährt, an einer Ampel neben uns. Waren wir etwas zu schnell? „Caffé? Caffé?“ fragt er! Wir nicken erleichtert. Bei der nächsten Gelegenheit fahren wir unter Polizeischutz – Lorenzo, so heißt unser Schatten, sperrt zwei zweispurige Straßen und wir parken vor einem Café! So etwas gibt es nur im Film – hatte ich bisher gedacht.

In Florenz verliert das Team „Bugatti / Moto Guzzi“ kurz vor dem Ziel die Orientierung. Kurz entschlossen ruft Lorenzo die Lokalpolizei, und mit Blaulicht vor uns und Blaulicht hinter uns fahren wir kurz danach zum Etappenziel auf der Piazza Ognissanti. Den Bugatti parken wir in der untergehenden Sonne mit Blick über den Arno.

Heute ist „Ruhetag“; nur knapp 8 Stunden, 230 km, nur 2 Wertungsprüfungen, davon eine aber über 9 km lang! Beim Start steht der Porsche 906 von Zumtobel/Monego neben dem Startbogen, ohne das heisere Kreischen des Motors, das uns allen in den letzten Tagen sehr vertraut geworden war. Das Team schaut in „Zivil“ der Abfahrten der Teilnehmer zu. Ein Differenzialproblem hindert die beiden an der weiteren Teilnahme!

Wir genießen Autofahren in der Toskana „at its best“! Heute „beschattet“ uns das Polizei Team „Capar/Stefano“ in einem Alfa Romeo. Noch vor der ersten Wertungsprüfung des Tages haben wir uns mit den beiden den ersten Caffé in einer Bar gegönnt, die eher wie ein privates Wohnzimmer wirkte. Guten Caffé scheint es in Italien wirklich an jeder Ecke, an jeder Tankstelle - eigentlich überall zu geben.

Auch die Sonderprüfungen sind ein Genuss; eine harmonische Aneinanderreihung nicht zu schneller Kurven. Hinter jeder Biegung öffnet sich ein neuer Blick auf das wellige Hügelland der Toskana. An jeder Ecke werden Weinproben auf romantisch gelegenen Weingütern angeboten. Wir sind im Heimatland des Chianti! Anhalten, Caspar und Stefano mitnehmen, die Füße hochlegen und den Vin Santo del Chianti von gestern Abend noch einmal zu genießen, das wäre eine echte Alternative!

Arezzo ist der südlichste Punkt der diesjährigen Modena Cento Ore. Die Piazza Grande bietet eine grandiose Kulisse für die Mittagspause. Nicht ohne Grund ist Arezzo ständige Durchgangsstation für die Mille Miglia.

Für die Einfahrt nach Florenz werden jetzt knapp 30 km vor der Ortseinfahrt alle Teilnehmer gesammelt, und mit Polizeieskorte geht es zurück zur Piazza Ognissanti. Der entspannte Tag lässt uns Zeit, vor dem Abendessen einen Blick auf die Ergebnisse zu werfen – wie immer werden sie akkurat und sehr zeitnah veröffentlicht. Von 19 in der Competition Class gestarteten Teilnehmern sind nur noch 10(!) im Rennen, Freeman/Ellis in der Cobra führen, wir sind 9.! Über 30 min haben uns Freeman/ Ellis in den letzten dreieinhalb Tagen abgenommen!

Wo ist Peter, unser Mechaniker? Gerade lassen wir den Motor zum Start zur letzten Etappe von Florenz zurück nach Modena warmlaufen, da bemerken wir eine kleine Leckage am Kühler. Gestern hatten wir vorsorglich das Leck noch einmal abdichten lassen! Es hilft nichts, der Zweikomponentenkleber muss noch einmal zum Einsatz kommen. So kurz vor dem Ziel wollen wir nicht aufgeben. Die Reparatur braucht aber Zeit! Pünktlich zu der uns vorgegeben Zeit überqueren wir die Startline, um gleich danach zurück zum Hotel wieder abzubiegen. Parallel zur Reparatur beginnt die Rechnerei, wo wir denn wieder ins Rennen einsteigen können. Die Runden in Mugello werden wir streichen müssen, das schaffen wir nicht. Aber die letzten beiden Prüfungen, die Nummer 10 und 11 müssten wir noch ablegen können.

Das Leck ist dicht. Los geht’s! Nach längerer Autobahnfahrt müssen wir aber feststellen, dass sich die Temperaturanzeige ständig im roten Bereich bewegt. Was tun? Das Leck scheint dicht zu sein, die Wasserpumpe scheint zu laufen… Wir wollen nur noch ankommen, gleichzeitig dem Motor aber keinen ernsthaften Schaden zufügen. Die zwei Wertungsprüfungen kurz vor Modena streichen wir gedanklich schon.

Mit äußerster Vorsicht, immer wieder füllen wir Wasser auf, rollen wir durch das Ziel auf der Piazza Grande in Modena. Geschafft!

Beim Dinner anlässlich der Preisverleihung gibt es nur Gewinner: die Gesamtgewinner der Competition (Freeeman/ Ellis auf 1964er AC Cobra) und der Regularity (Mozzi/ Azzali auf 1964er Porsche 356C), die Klassensieger, alle Teilnehmer, die eine sehr gut organisierte Veranstaltung miterlebten und natürlich der Organisator, der mit vielen Wiederholern in 2014 rechnen kann.

Es waren keine „cento ore“ – keine hundert Stunden - es waren aber genügend Momente, um sich gern an die Modena Cento Ore zu erinnern!

Und sonst?

- Teilnehmer der Competition Class und die der Regularity Class haben unterschiedliche Erwartungen an eine Veranstaltung. Bei aller Zufriedenheit hoffen die „Racer“ auf mehr „Race Time“ und weniger touristisches Entertainment, für die Gleichmäßigkeitsfahrer bot die Modena Cento Ore 2013 sicher genau die richtige Mischung. Beide Teilnehmerfelder glücklich zu machen, wird keine leichte Aufgabe für den Veranstalter – zuzutrauen ist es ihm!

- Die Größe des Starterfeldes war überschaubar, das erlaubte es jedem, sofort mit jedem ins Gespräch zu kommen. Es entstand schnell ein sehr gutes Gemeinschaftsgefühl. Man sah sich immer wieder: bei den Prüfungen, beim Essen, bei den Zieleinläufen… Bei einer Massenveranstaltung wie Tour Auto oder Mille Miglia bleibt man in vergleichsweise kleinen Gruppen. Dennoch kann die Veranstaltung gut und gerne noch jeweils 10 – 20 zusätzliche Teilnehmer für die Competition bzw. Regularity vertragen

- Für eine Veranstaltung in Italien waren sehr, sehr wenige italienische Fahrzeuge am Start – die Angst vor der Steuerfahndung war offen kommunizierter Grund, die Wagen lieber in den Garagen zu lassen.

Die Top Ergebnisse deutscher Teilnehmer:

Competition Gesamtwertung: 5. Otten/Wuttke BMW 328

Regularity Gesamtwertung: 5. Graf von Finkenstein/Gräfin von Finkenstein Mercedes Benz 220B Cabriolet

Wolfgang Kurth

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