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01.12.2009

Oldtimer auf Kuba

Das Chrom blitzt, der Fahrgast versinkt in voluminösen Ledersitzen, die karibische Luft streichelt über das Chevrolet-Cabrio. Wie knallbunte Farbtupfer rumpeln die alten Ami-Schlitten über die Straßen - in Feuerwehrrot und Himmelblau, in Silber, Bonbonrosa und leuchtendem Grün. Wir sind unterwegs in Kuba – wo sonst! Es gibt hier zwei Oldtimer-Museen, doch was soll´s: die ganze Insel ist ein Open-Air-Museum!

Die Augen des Oldtimer-Fans können sich in Kuba kaum satt sehen: allerorten Chevrolets, Studebakers, Lincolns, Plymouths und Cadillacs mit steilen Heckflossen. Buicks, Pontiacs, Dodges, Packards, Hudsons und Fords, alle mit mehr als 50 Jahren auf dem Fahrgestell. Etwa 50.000 PS-Dinosaurier rollen und scheppern noch über die Straßen Kubas. >Claro que si< – auch Che Guevara fuhr einen Ami-Schlitten (einen Chevy) und Ernest Hemingway seinen 1950er Chrysler.

Die meisten Oldtimer sind heute nur noch von viel Liebe und Phantasie zusammengehaltene, klappernde Rostlauben: farbig gescheckt, denn Lack ist knapp und teuer, der Auspuff hustet schwarze Wolken, der Motor stottert, und der Fahrgast spürt ausnahmslos jedes Schlagloch am Allerwertesten.

Ob vernachlässigt oder gepflegt - Kuba bietet alles

Schlendert man durch die Straßen Havannas in den feineren Bezirken Miramar und Vedado, traut man oft kaum seinen Augen: Oldsmobiles und Ford-Limousinen Baujahr 1928 parken da am Straßenrand - als wären sie gestern erst vom Band bei General Motors gerollt. Fahrbereit und blitzeblank, vier Türen und vorne aufklappbare Windschutzscheibe, Dreiganggetriebe und mechanisch gebremste, hochliegende Räder.

Wer Kuba nach der Revolution im Januar 1959 fluchtartig Richtung USA verließ, musste sein Schmuckstück auf vier Rädern zurücklassen (wie Haus, Grundstück und oft auch die Familie). Ab 1961 wurden die Auto-Importe nach Kuba eingestellt und ersetzt durch den quadratisch-praktischen Lada aus der Sowjetunion und auf dem Land bis heute: die Pferdekutsche. Jetzt stehen die amerikanischen Preziosen als nationales Kulturgut unter Denkmalschutz in Kuba. Es gab offenbar zu viele Versuche von Oldtimer-Liebhabern aus dem Ausland, den verarmten Kubanern ihre Straßenkreuzer und Spritschlucker zum Spottpreis von 2.000 US-Dollar abzukaufen und zu exportieren.

Lust auf eine nostalgische Spritztour durch Havanna? Vor dem Capitolio, dem einstigen Senatssitz, stehen die alten Ami-Schlitten Spalier – zum Beispiel für die beliebten Hochzeits-Fahrten im Cabrio mit wehendem Schleier. Die Besitzer solcher museumsreifen Oldies können sich im Lande des Benzin- und Transportmangels glücklich schätzen: Taxifahrer ist einer der wenigen erlaubten Privat-Berufe im sozialistischen Kuba, und Automobile mit Baujahr vor 1959 gehören zu den wenigen Ausnahmen beim Privatbesitz. Die privaten >taxis particulares< kutschieren tagtäglich Tausende Kubaner (und illegalerweise Touristen) zur Arbeit, in die Kooperativen auf dem Land, in die Poliklinik, an den Strand oder zur Fiesta.

Kerosin statt Benzin

Zum Beispiel Pablo und sein blitzeblank glänzender 1948er Dodge. Er fährt noch mit Originalmotor, betont der Habanero, allerdings mit Kerosin! >>Das kostet nur ein Fünftel des teuren Normalbenzins, aber es frisst auch langsam den Motor auf,<< klagt Pablo. Die erste Panne haben wir nach zehn Minuten. Aber unser Chauffeur kennt seinen vierrädrigen >compañero<, flucht und fummelt unter der Motorhaube und siehe da, nach einigen Minuten springt der Motor hustend wie ein Asthma-Kranker wieder an.

So rumpeln die betagten Straßenkutschen entlang des Paseo del Prado, dem Prachtboulevard in der kubanischen Metropole. Links und rechts stehlen sich die hochherrschaftlichsten Bauwerke Kubas gegenseitig die Schau, etwa das verschnörkelte Gran Teatro García Lorca, das sich mit seinen Türmchen und Kuppeln offenbar nicht zwischen Neobarock und Jugendstil entscheiden kann. Hier begeisterte 1920 Enrico Caruso die Zuschauer wie heute das berühmte Ballet Nacional de Cuba. Das Mafia-Hotel Nacional aus den 1930ern, die Hemingway-Kneipe Bodeguita del Medio, die Casa del Habano mit ihren edlen Zigarren, das einstige Wohnhaus des Compay Segundo aus dem >Buena Vista Social Club<, das legendäre Tropicana-Cabaret. . . – ganz Havanna ist wie eine Zeitreise in die >Roaring Fifties<.

Dass die Oldtimer nach einem halben Jahrhundert >socialismo tropical< noch am Leben sind, verdanken sie übrigens einem schier unglaublichen Erfindungsgeist und einer Improvisationskunst, die man nur in Kuba findet – zwangsläufig. Seit dem Handelsembargo sind Ersatzteile unbekannt. Was auf den ersten Blick nicht passt, wird umgeschweißt und in millimetergenauer Handarbeit passend gefeilt. So wird ein russischer (Lada-) Motor zum Diesel-Antrieb in einem Chevy. Blinker und Bremslicht funktionieren nicht mehr?! No problema, der Fahrer hält einfach lässig den Zeigefinger aus dem Fenster: links heißt links abbiegen, nach oben gerichtet heißt rechts abbiegen, Hand nach unten – ich bremse. Hauptsache die Hupe funktioniert! In den schlimmsten Zeiten der >período especial< nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion dienten kleine Kerzen als flackernde Rücklichter. . .

Und so rollen die amerikanischen Straßenkreuzer hoffentlich noch lange durch jede Krise auf Kuba. Im Rhythmus der Schlaglöcher klappernd, aber auf immer und ewig - >hasta siempre<

Unbedingt mitfahren:

Eine Stunde mit dem Oldtimer durch Havanna (20-30 €, mit Chauffeur), Fünf-Stunden-Tour etwa 100 €, am besten in Deutschland zu buchen über den Kuba-Spezialisten avenTOURa (Tel. 0761/211 69 90 und 040/43 28 09 96, www.aventoura.de) oder beim Berliner Cuba Startravel (www.cubastartravel.com).

Private Überland-Sammeltaxen halten an bestimmten Straßen oder man winkt sie in der Stadt heran (Fahrpreis vorher aushandeln!).

Unbedingt einziehen:

Beltrán de Santa Cruz

Calle San Ignacio, No. 411 entre Calle Muralla y Calle Sol, Altstadt Tel. +53/7/860 83 30, Fax 860 83 83, email: reserva@bsantacruz.co.cu. Traumhaftes Kolonialhaus eines Adligen, in dem einst auch Alexander von Humboldt zu Gast war: Die Suite Nr. 8 begeistert mit Marmor und Terrakotta, bronzenem Waschkrug und Waschtisch, herrlich begrünter Frühstücks-Patio.

Unbedingt ansehen:

Cabaret Tropicana

Tel. +53/7/267 17 17/-19
Show Di.-So. 22 Uhr
Federboas und Kandelaber, endlos lange Beine, aber auch Balletteinlagen, Folklore und Artistik (50-64 €).

Unbedingt mitmachen:

Baila en Cuba (22.-27.11.09)

Das einwöchige internationale Salsa-Festival in Havanna bietet alljährlich viele Workshops und Konzerte der bekanntesten Salsa-Combos Kubas (www.baila-en-cuba.de, auch zu buchen über avenTOURa, s.o.)

Unbedingt lesen:

Leonardo Padura: Die Nebel von gestern (Zürich 2008, Unionsverlag, 363 S.). Spannender Havanna-Krimi mit Abstechern in die Zeit vor der Revolution von dem bekannten kubanischen Schriftsteller.

Antonio José Ponte: Der Ruinenwächter von Havanna (München 2008, Kunstmann Verlag, 234 S.). Roman des bekannten Exil-Kubaners über den äußeren und inneren Zerfall Kubas.

Matthias Politycki: Herr der Hörner (München 2007, Goldmannverlag, 831 S.). Ein deutscher Roman auf den Spuren des Afro-Kultes Santería und des Alltags der Bewohner von Santiago de Cuba.

Unbedingt anhören:

Kuba - eine akustische Reise zwischen Havanna und Santiago de Cuba
(Hörbuch-CD m. Booklet, 71 Min., 14,90 €).

Internet:

www.cubainfo.de

www.havanatrends.com

www.cubaautos.org

Die Autorin ist ausgebildete Journalistin und Buchautorin und seit Jahren unter anderem auf Kuba spezialisiert und dort familiär verbandelt. Weitere (Kuba-) Literatur, Fotos, Themen und Arbeitsschwerpunkte der Berlinerin finden sich auf ihrer Website.

Text und Fotos (es gelten die AGB´s auf der Website von Martina Miethig: www.martina-miethig.com): Martina Miethig

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