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11.07.2014

Schlaflos in Le Mans!

„Le Mans Classic“ 2014

Aus der Serie „Im Rückspiegel“, von Wolfgang Kurth

Alle zwei Jahre findet auf der historischen Rennstrecke an der Sarthe die „Le Mans Classic“ statt: Fahrzeuge, die bzw. deren Modell in den Jahren zwischen 1923 und 1979 an den 24 Stunden von Le Mans teilgenommen haben, werden z.T. von professionellen Rennfahrern aus dieser Zeit gefahren.

In diesem Jahr waren von den Le Mans Gewinnern mit Jürgen Barth, Jochen Mass, Emanuele Pirro, Gijs van Lennep und Gérard Larousse die Grands dieses spektakulären Rennens vertreten! Als ihre Dienstfahrzeuge waren Alfa Romeo Tipo 33, Porsche 907, Porsche 935, Porsche 911 vorgesehen!

Das Starterfeld von über 400 Rennwagen wird von Privatiers aus allen Teilen der Welt aufgefüllt, für die die „Le Mans Classic“ neben dem Goodwood Revival DAS Ereignis ist, in dem Erinnerung an den Rennsport der 50er, 60er und 70er Jahre ungefiltert auf alle Beteiligten und Zuschauer einwirken. Mit einem Jaguar XK120 OTS waren wir dabei!

Fast 4 Tage vor dem Start wurde der Jaguar um 23:00 Uhr auf einem Fabrikhof nahe Frankfurt auf einen Trailer verladen und hinter das Wohnmobil gehängt. 12 Stunden später: In der Zufahrt zum Parc Houx, dem Fahrerlager während der Le Mans Classic, standen wir zwischen gut dreihundert Wohnwagen, Renntransportern und Trailern, um auf den Acker gelassen zu werden, den wir schon als Zeltplatz aus der Anfangssequenz in dem Steve McQueen Film „Le Mans“ kennen. Wenig hat sich geändert, insbesondere die Sanitäreinrichtungen hat man mit viel Liebe fürs Detail im Originalzustand belassen!

Im ersten Jahr der Le Mans Classic, damals in 2002, fuhren wir noch direkt auf das Gelände, ohne langes Warten. Die Erwartungen an die Veranstaltung waren damals einfach noch recht gering, die Zulassung der Fahrzeuge eher ein Selbstgänger. Heute wird (wohl aus gegebenem Anlass) in den Ausschreibungsunterlagen darauf hingewiesen, dass ein angemeldetes und akzeptiertes Fahrzeug, das vor der Veranstaltung verkauft wird, seinen Startplatz verliert! Das Glück, bei den Le Mans Classic dabei zu sein, kann man nicht kaufen!!

Unter den Kiefern des Parks entsteht in kurzer Zeit ein Fahrerlager, das an Vielfalt kaum zu überbieten ist: alte Renntransporter parken neben modernsten Werkstatttrucks mit Dachterrasse, Fiat Topolinos, Quads, alte Vespas dienen als Paddock-Fahrzeuge, und dazwischen werden Porsche 917, Jaguar D-Types, Ferrari 512BBs, Ford GT40s etc. abgeladen und für die technische Abnahme vorbereitet. Es wirkt alles ein wenig wie im Film – eben großes Kino!

Wir treffen die ersten Bekannten aus Deutschland, England und Frankreich – mehr als 24 Stunden sind vergangen, als ich mich zur ersten Nacht in dem Alkoven unseres Wohnmobils zur Ruhe bette. Morgen stehen der sog. administrative Check (Lizenz, Ausrüstung etc.) und die technische Abnahme des Wagens auf dem Programm. Hoffentlich gibt’s keine Überraschungen!

Die perfekte Organisation schafft die Prüfung der Unterlagen von fast 1000 Fahrern ohne Warten! Manche lokale Veranstaltungen sind schon mit 100 Teilnehmern hoffnungslos überfordert! Auch die technische Abnahme läuft bei uns problemlos. Damit sind die wichtigsten Hürden sind genommen!

Jetzt nur noch fahren! Viel gefahren wird ja während dieses Wochenendes nicht: zusätzlich zum Qualifying am Tag und in der Nacht, zusammen sind es 80 min, bleiben noch drei Rennen à 45 min. Aber in welchem Umfeld gefahren wird! 6 Startfelder mit den tollsten Autos der Periode 1923 bis 1979 auf dem 13,8 km langen Kurs unter dem Dunlop Bogen, durch die Tertre Rouge, über die Hunaudière Gerade, die Mulsanne, Indianapolis, Arnage Kurven ….. Mit diesen Namen lassen sich Gedichte schreiben!

Wenn man während eines Rennens einige Sekunden Zeit hat und nicht gerade in Überholmanöver verwickelt ist, stellt man sich vor, welche Dramen sich oft auf diesen Streckenabschnitten zugetragen haben.

Mittlerweile sind alle Fahrzeuge in den 6 Paddocks unter Pagodendächern aufgereiht, Zeit für einen „Museumsbesuch“. Alles, was Rang und Namen in der Automobilgeschichte hat, ist hier versammelt - und nicht zum Staubsammeln! Vom Bugatti 35C bis hin zum Talbot Lago im Startfeld 1 bis hin zu dem Gulf Mirage, den Lolas und Ferrari 512BBLM im Startfeld 6 ist alles da, wovon Rennfans träumen.

Die Nacht zum Freitag hat nur 5 Stunden Schlaf gebracht, zu verlockend waren die Gespräche. Denen, die „damals“ dabei waren wie Jürgen Barth oder Willi Kauhsen kann man eben schon sehr lange zuhören. So entwickelt sich langsam die Gewißheit, dass die heutigen „Le Mans Classic“-Teilnehmer ihren Auftritt mit größerem, materiellen Aufwand betreiben als es vor 40, 50 Jahren üblich war!

Das Qualifying am Freitag sollte das erste Highlight werden: Sonnenschein, trockene Piste, das Auto läuft! Von jetzt an wollten wir nur noch Spaß haben!

Aus dem Vorstart auf dem Bugatti Kurs hinter dem Fahrerlager geht es heraus auf die Start- und Zielgerade, an deren Ende sich die Dunlop „Schikane“ anschließt, leicht bergauf, leicht links, rechts und wieder links. Während des Rennens liegt hier oft Kies von den Fahrzeugen, die nach einem Ausrutscher den Weg zurück auf die Strecke gefunden haben. Also aufpassen! Selbst bei sauberer Fahrbahn darf man zwischen den Kurven nicht zu früh auf dem Gas sein!

Nach der Tertre Rouge Kurve geht es unter riesigen Ahornbäumen in Richtung erste Schikane. 390 km/h und mehr, wie zu Zeiten der Porsche 917, sind heute auf dem Weg zur Mulsanne Kurve nicht mehr möglich, die Schikanen verhindern es. Unser Jaguar kommt in diesem Jahr sehr früh in den roten Drehzahlbereich – lange vor dem Bremspunkt für die rechts / links Schikane! Die Geschwindigkeit liegt auch bei kaum mehr als 175 km/h! Die Ursache kann nur in den Avon Reifen liegen, die einen geringeren Rollumfang haben als die noch in 2010 gefahrenen Dunlop Racing Reifen.

Durch beide Schikanen geht es ohne Probleme. Die Mulsanne Kurve geht im dritten Gang, vielleicht macht der zweite Gang in der nächsten Runde aber mehr Sinn, denn die Beschleunigung aus der Kurve heraus, ist nicht so ganz überzeugend.

Der Abschnitt zur Indianapolis ist tagsüber entspannend, nachts ist er einer der dunkelsten Abschnitte des ganzen Kurses. 2002, ohne Kenntnisse der Strecke, hatte ich hier nachts meine Angstattacken. Die geringsten Richtungsänderungen und leichte Höhenveränderungen im Streckenprofil erzeugten „Schwarze Löcher“, in die man erst nach der Erfahrung einiger Runden mit weniger Unbehagen einzutauchen wagt. Durch die langgezogene Indianapolis geht es nach wenigen hundert Metern auf die langsamste Kurve der Strecke, die Arnage, eine 2. Gang Kurve. Dran denken: am Samstag nach den ersten Rennen ist das die öligste, dreckigste und rutschigste Stelle in ganz Le Mans!

Jetzt noch durch das Geschlängel der Porsche Kurven. Ok! Jetzt kommt rechts die Zufahrt zur Boxengasse; dann die Ford Schikanen, vor deren neuen hohen Curbs während des Driver Briefings eindringlich gewarnt wurde. Jetzt auf die Start- und Zielgerade und in die nächste Runde, in der die Zeit für den Startplatz gesetzt werden sollte! Trotz des geringeren Reifenumfangs sollten 6:30 / 6:40 möglich sein.

Unter dem Dunlop Bogen passierte es! Ich war zu schnell und zu aggressiv auf dem Gas, drehe mich und bin danach auch schon im Kies! Mist! Großer Mist! Ich sehe aus dem Kiesbett zu, wie es die nächsten drei, vier Wagen besser machen. In der Lücke danach geht’s zurück auf die Strecke!

Auf der Geraden nach der Tertre Rouge der Blick auf die Instrumente: das sieht gar nicht gut aus! Die Ladekontrolllampe leuchtet dunkelrot, kurz vor der Mulsanne hat die Wassertemperatur Höhen erreicht, die ich noch nie gesehen hatte! Sieht alles nach einem Problem mit dem Keilriemen aus! Aber warum? Ich bin doch nur in den Kies gerutscht!

Später, im Fahrerlager, fanden wir die Bestätigung: der Keilriemen hing nur noch locker über den Riemenscheiben. Die Riemenscheibe der Lichtmaschine hatte eine Delle, die offensichtlich zu einer Unwucht führte und den Keilriemen abheben ließ. Nach dem Ausbau der Lichtmaschine sehen wir eine Stelle auf der Scheibe, die bei dem Ausflug ins Kiesbett wohl von einem aufgewirbelten Kieselstein getroffen wurde.

Der Austausch der Lichtmaschine war problemlos. Im Training in der Nacht, von 23:05 – 23:40, waren die Ladekontrollleuchte aus und alle Scheinwerfer an! Nur der Dunlop Schikane brachte ich noch mehr Respekt entgegen.

Die angenehme Aufregung, die Diskussion jeder Kurve, die zwei, drei Bierchen „for the road“ ließen uns nicht vor 3:00 in den Schlaf kommen – nur richtig müde waren wir noch nicht!

Abgesehen von dem Problem mit der Lichtmaschine, dem Nachtrennen um 02:38, den zeitweise blockierenden Bremsen und einem Rennen in wolkenbruchartigem Regen (kein großer Genuss in einem offenen Auto!) waren die „Le Mans Classic“ wieder einmal eine gelungene Veranstaltung - nur geschlafen hatten wir immer noch nicht viel!

Der Rahmen für die „Le Mans Classic“ ist einfach nicht kopierbar. Dazu gehören neben der historischen Strecke und dem filmreifen Fahrerlager auch die mehr als 100.000 Zuschauer, die teilweise zeitgenössisch gekleidet auch nachts das „Village“ belebten. Es gehören aber auch die verschiedensten Händler von Memorablia, Putzmittel, T-Shirts, Taschen, Uhren, zu Lampen umgebauten Zylinderköpfen und und und… dazu. Zahlreiche Markenclubs mit mehr als 8.000 Fahrzeugen runden dieses Gesamtkunstwerk ab.

Der Veranstalter Peter Auto lieferte, wie mittlerweile schon gewohnt, eine perfekte Organisation ab. Die Ergebnisse der einzelnen Rennen mit Analyse (schnellste Runde, Höchstgeschwindigkeit in einzelnen Streckenabschnitten etc.) erhielten wir, kurz nachdem die Fahrzeuge im Paddock abgestellt waren, per SMS auf das Handy gespielt!

Es gab zwar den einen oder anderen Blechschaden, geplatzte Motoren, blockierte Getriebe, gebrochen Radaufhängungen - aber Gott sei Dank keinen Verletzten!

Steve McQueen würde sagen: das Wochenende 05. / 06 Juli 2014 war Leben – jetzt heißt es warten! Bis 2016! Und erst einmal ausschlafen!

Wolfgang Kurth

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