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07.12.2011

Stern im Osten

Verschlungene Wege eines neuen Mercedes 230/6 in der DDR

Unser Leser Robert Gregor versucht, den Lebensweg seines Mercedes-Benz 230/6, Baujahr 1973, nachzuvollziehen, der auf wundersame Weise 1973 als Neuwagen in die damalige DDR geliefert wurde. Robert Gregor schrieb uns:

Ich besitze seit 11/2003 ein Mercedes (/8) 230/6, Serie 1.5. Soweit ja nichts Besonderes. Aber wie kam dieses Fahrzeug als Neufahrzeug in die DDR?

Laut Originalkopie der Bestellkarte wurde das Fahrzeug als Neufahrzeug inklusive diverser Sonderausstattungen im Sommer 1973 an eine Firma in Berlin Pankow geliefert. Im Original DDR KFZ Brief ist aber als Baujahr 1975 eingetragen, obwohl laut Auslieferungskarte das Herstelldatum 05/1973 ist und das Fahrzeug alle charakteristischen Merkmale des Produktionszeitraumes 02-1973 bis 08-1973 trägt, womit 1973 als Auslieferungsdatum bestätigt wird.

Seltsamerweise ist der erste Halter im Jahre 1979 im Brief eingetragen. Somit stellen sich mir und vielleicht auch Ihrer geschätzten Leserschaft unter anderem folgende Fragen:

Wie konnte in der DDR im „Westen“ eine Mittelklasselimousine mit Sonderausstattungen bestellt werden?

Wie kam sie in die DDR?

Wo war das Fahrzeug zwischen 1973 und 1975?

Wer hat es bis 1979 besessen?

Eigentlich wollte ich selbst mit dem Fahrzeug zu den im KFZ Brief eingetragenen Haltern reisen, um die unaufgeklärte Geschichte meines Fahrzeuges zu enträtseln, aber leider fehlte mir bis dato die Zeit.

Somit würde ich gern mit Hilfe Ihrer Redaktion die Geschichte recherchieren lassen und bei Interesse diese auch zur Veröffentlichung freigeben.

Ich glaube, dass kaum ein ehemaliger DDR Bürger und Oldtimerfreund weiß, wie „Westfahrzeuge“ in den Osten kamen und denke, dass diese Geschichte ein recht interessantes Potential für die geschätzten Leser Ihres Portals bietet...

So weit Robert Gregor.

Wir vermuten, dass die "KoKo" (Kommerzielle Koordinierung, Abteilung des DDR-Außenhandelsministeriums) unter der Führung von Alexander Schalck-Golodkowski, der unter dem Decknamen "Schneewittchen" u.a. Devisen beschaffte und Kontakte zum Westen hatte, ihre Finger im Spiel hatte. Wer sonst hätte den Mercedes bezahlen können, denn DDR-Mark hat die Daimler-Benz AG vermutlich kaum akzeptiert.

Schalck-Golodkowski genoss in der DDR zahlreiche Sonderrechte. Wenn er zum Beispiel in Leipzig übernachtete, residierte er im Hotel Astoria in einer eigens für ihn mit etlichem Luxus wie goldenen Wasserhähnen ausgestatteten Suite, während in den normalen Zimmern das Abwassser der Dusche nicht in einen Abfluss, sondern über den Badezimmer-Fußboden floss und erst danach in einem Siel verschwand. Aber in einem Mercedes durfte sich selbst ein ranghoher Funktionär nicht in der DDR-Öffentlichkeit chauffieren lassen, wenn selbst Erich Honnecker sich mit einem Volvo 760 GLE oder einem Volvo 264 TE begnügte. Gerade letzterer zeigt, welch wundersame Wege West-Limousinen der DDR genommen haben.

Vielleicht war der Mercedes ein Shuttle für Staats-Funktionäre innerhalb abgesperrter Gebiete, damit sie auch einmal insgeheim den Luxus des Westens in Form einer Fahrt in einem Mercedes genießen konnten?

Oder diente der Mercedes vielleicht der Konkurrenz-Beobachtung? Schließlich wurden ja in dem für Spitzen-Funktionäre vorgesehenen Tatra 613 Special sogar Scheinwerfer und Blinker sowie die Außenspielgel der damaligen Mercedes S-Klasse eingesetzt!

Bei der Angabe des Baujahres nahmen es die DDR-Behörden nach unserer Kenntnis nicht so genau. Wir wissen zum Beispiel von der Praktik, einen auf Null Mark abgeschriebenen, über 10 Jahre alten Lada aus dem Firmen-Fahrzeugbestand auszumustern, anschließend einer Generalüberholung zu unterziehen und ihn dann als "Neuwagen" mit dem aktuellen Kalenderjahr als Baujahr wieder in den Firmen-Büchern erscheinen zu lassen! Auch so konnten scheinbar "Werte" geschaffen werden!

Jedenfalls sind wir zusammen mit Robert Gregor gespannt, ob sich die Geschichte seines Mercedes aufklären lässt und würden uns freuen, wenn unsere Leser mit Hinweisen an

info@classi-car.de

oder direkt an Herrn Gregor unter

stern-im-osten@hotmail.de

dazu beitragen würden.

Gert Meyer-Jüres

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