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05.05.2014

Terre di Canossa 2014

Aus der Serie "Im Rückspiegel"

In unregelmäßigen Abständen bringen wir Beiträge aus Teilnehmer-Sicht. Heute berichtet Nina Kurth von der "Terre di Canossa International Classic Cars Challenge 2014".

85 Teams waren 3 Tage lang über 700 km im Norden Italiens unterwegs, um nach 75 Wertungsprüfungen festzustellen: die ersten Crews trennten nach dieser Distanz nur wenige Hundertstel Sekunden voneinander! Wir waren dabei – nicht bei den Gewinnern, aber als Teilnehmer einer spannenden Rallye auf den gewundenen Landstraßen der Emilia Romana, vorbei an Burgen auf malerischen Hügeln, auf historischen Plätzen, romantischen Küstenstraßen…..

Fotos: Nina Kurth

Reggio Emilia

Italien begrüßte uns mit überraschend gutem Wetter und recht freien Straßen – nach gemütlicher Fahrt von Mailand nach Reggio Emilia erreichten wir nach ca. 3 Stunden unser Hotel für die erste Nacht. Obwohl wir so früh ankamen standen bereits die ersten Fahrzeuge auf dem Parkplatz bereit für die technische Abnahme, Ferraris, Maseratis, Jaguars – der automobile Hochadel!

Unser kleiner Austin Healey Sprite MK I gehörte allerdings definitiv zu den Nachzüglern und kam erst gegen 19 Uhr in Reggio an – aber wie! Der 18 m-Truck, in dem der kleine 3,5 m-Frosch transportiert wurde, sorgte für viele neugierige - und nach dem Abladen überraschte Blicke!!!

Nachdem wir mit einem wohlwollend-italienischen Lächeln problemlos durch die technische Abnahme gewunken wurden und die Startnummer 40 auf den Türen des Froschs klebte, konnten wir uns neben den anderen Teilnehmern vor dem Theater einreihen, wo die alten Wagen in der Abendsonne bereits von den Passanten bestaunt und fotografiert wurden.

In der Klasse „Auto Storiche“ traten wir zusammen mit 69 anderen Teams an, als Damenteam waren wir aber nicht alleine! Außer uns beiden Youngstern hatten noch 3 weitere Damencrews gemeldet!

Bei der Abendveranstaltung im Theater überraschte man uns mit den Auftritten zweier Opernsänger, die in der fantastischen Kulisse des alten Theaters Arien von Verdi und Puccini zum Besten gaben – eine einmalige Atmosphäre und wirklich große Stimmen! Italien at ist best!

Endlich gab es etwas zu essen, sehr spät, muss wohl so sein in Italien!

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1. Etappe: Reggio Emilia – Forte die Marmi

Der erste Morgen beginnt bei uns mit hastigen Schritten, als wir erstaunt bemerken, wie früh die anderen Teilnehmer sich vom „Parc Ferme“ auf den Weg zum Start gemacht haben. Vor dem Stadion in Reggio Emilia sammeln sich die Teilnehmer und sortieren sich in die richtige Reihenfolge. Während wir uns mit dem Frosch hinter anderen Teilnehmern durch die Wagen schlängeln und uns grüßend hinter der Startnummer 39 einreihen, bemerken wir erstaunlich viele konzentrierte und angespannte – zumeist italienische – Gesichter in den anderen Wagen. Nicht umsonst scheint diese Rallye als die Vorbereitung für die Mille Miglia zu gelten. In auffallend vielen Wagen sehen wir Halterungen für iPads und die verschiedensten technischen Messinstrumente. Reichen unsere zwei mechanischen Stoppuhren und der Tripmaster?

Aus den Wagen strahlen uns Crews in Outfits vergangener Rallyes entgegen – Mille Miglia, Modena Cento Ore, Terre di Canossa 2013 – die Teilnehmer nehmen die Tour wahrlich ernst! Und zumindest was die Anzahl der Wertungsprüfungen anbelangt ist sie auch nicht zu unterschätzen: 75 Gleichmäßigkeitsprüfungen auf über 700 km werden uns in den nächsten Tagen erwarten!

Nach einem ereignisreichen und – zumindest was die Zwischenwertung anbelangt – etwas ernüchternden Tag (Platz 54!) finden wir uns schließlich in Forte die Marmi wieder; leider im Stau. Und so sehr man den Italienern einen ebenso lässigen wie gekonnten Fahrstil zuspricht, so sind wir über die plötzlich quietschenden Bremsen samt Knall hinter uns überrascht, als eine Italienerin auf den Frosch auffährt. Zum Glück bleibt es bei einem leichtem Blechschaden und einem Schrecken, auf den wir am Abend auf der Beachparty zähneknirschend anstoßen. Die Erinnerung an die engen Haarnadelkurven durch schneebedeckte Berge, die unser Wagen entgegen aller Befürchtungen tadellos gemeistert hat, helfen über den leichten Dämpfer hinweg und schüren die Vorfreude auf den nächsten Tag – wir können kaum abwarten, wieder über den ersten Druckschlauch zu rollen!

2. Etappe: Forte die Marmi – Forte die Marmi

Um 9:45 Uhr starten wir am nächsten Tag pünktlichst (so eine Hetzerei wie am Vortag soll uns nicht nochmal passieren, an diesem Morgen stehen wir 30 Minuten vor Start bereit!) und bei strahlendem Sonnenschein am Meer in Richtung Pisa – und das mit dem festen Vorhaben, unsere Position zu verbessern! Trotz anfänglicher Sprachbarrieren kennt man nun schon langsam „seine“ Teams und findet sich dann und wann zu kleinen Kolonnen zusammen, um einen Teil der schönen Strecke zusammen zu fahren und – um ehrlich zu sein – ein bisschen Abgucken zu können, wenn man sich an einer Stelle im Road Book nicht ganz sicher ist. Wir winken den Passanten an den Straßen zu und grüßen die anderen Teams, die wir während ihres Boxenstopps an der Tankstelle überholen. In unserem Fall währt der Vorsprung allerdings meist nicht lange. Die traumhafte Landschaft der Toskana und die fantastischen Aussichten bei den Bergetappen zwingen uns oft genug, anzuhalten, um ein paar Fotos zu machen. Sobald wir allerdings in den Serpentinen sind, nutzen wir die Wendig- und Spritzigkeit des Healeys voll aus und geben ordentlich Gas! Und: Der Frosch hält immer noch! Weder die Wassertemperatur noch die neuen Bremsen machen uns zu irgendeinem Zeitpunkt Sorgen – die besten Voraussetzungen, die Rallye bis zum Ende durchfahren zu können. Und das ist bei einem über 50 Jahre alten Wagen und solchen Belastungsproben keine Selbstverständlichkeit, wie wir in der Vergangenheit schon erfahren mussten.

In der Mittagspause in Pisa angekommen, haben wir schon ein paar Wertungsprüfungen hinter uns und sind zuversichtlich: heute läuft es besser! Während einige Teilnehmer die Chance nutzen, die Aussicht vom schiefen Turm zu genießen, machen wir uns nach dem Mittagessen auf den Weg zu den Wagen, um uns die nächsten Seiten des Road Books anzusehen und uns im Auto noch etwas in der Sonne zu entspannen – der letzte Abend war lang!

Hupend und von neugierigen Blicken der Passanten begleitet schlängeln wir uns Wagen um Wagen aus Pisa raus auf die Landstraße. Sie führt uns auf dem Weg zurück zum Fort dei Marmi durch wunderschöne kleine Dörfer, enge Gassen sowie steile Bergetappen und teils doch recht ruppelige Straßen durch die Toskana. Am Tagesziel angekommen stellen wir den Wagen ab und treffen uns mit den anderen Teilnehmern im Kloster Sant’Agostino, um den Tag bei Wein, Käse und anderen Köstlichkeiten Revue passieren zu lassen. Man kann sich immer über neue Probleme mit dem Wagen oder witzigen Verständigungsprobleme an Tankstellen, in Cafés oder sonstigen Zwischenstopps austauschen – wir für unseren Teil haben da auf jeden Fall einiges beizutragen!

Zum Feuerwerk in der Beach Bar stoßen wir auf die ersten Tage an – auf die wunderschöne Landschaft, die ganz gut gelungenen Prüfungen (wir sind jetzt auf Platz 46!), den zum Glück nur leicht in Mitleidenschaft gezogenen Wagen und das große Glück, das wir mit dem Wetter haben.

3. Etappe Forte die Marmi – Reggio Emilia

Das Wetter hielt aber leider nicht bis zum kommenden Tag – der letzte Tag der Rallye begrüßt uns mit verhangenem Himmel und grauen Regenwolken. Wir legen die knallroten Regenjacken, eine Aufmerksamkeit des Veranstalters, in greifbare Nähe und entscheiden uns, die GoPro Kamera heute nicht wie am vorherigen Tag auf das Heck zu stecken. Die Stimmung vor dem Start scheint unter den Teilnehmern etwas gedämpft. Sicherlich zum einen, da es der letzte Tag ist und zum anderen, weil langsam die ersten Tropfen fallen und viele Teams nun mit geschlossenem Verdeck fahren, um sich vor dem Regen zu schützen. Für uns aber ist klar: wir bleiben tapfer und sind uns sicher, dass es sich nur um einen Schauer handelt. Der Gedanke an das tief im Kofferraum vergrabene Verdeck und die Steckscheiben bestärkt uns nur noch mehr. Und so starten wir in die erste Prüfung, die über ein Kai auf das stürmische Meer hinaus führt und wieder zurück, vorbei an immerhin ein paar winkenden und ebenso dem Wetter trotzenden Zuschauern.

Doch schon zurück auf dem Boulevard ziehen wir uns die Regenjacken an und fahren an mehreren Teilnehmern vorbei, die am Straßenrand entgegen aller anfänglichen Zuversicht nun auch die Verdecke auf die Wagen ziehen. Wir heften uns an die Startnummer 39; ein schöner, unübersehbarer Alvis TD21 DHC von Berthold Dörrich, den wir schon von den vorherigen Tagen gut kennen (und natürlich aus der „OCTANE“!) und dem wir dank der Fahrzeuggröße und der zurückhaltenden, stets souveräner Fahrweise trotz verschwommener Sicht durch unsere permanent beschlagene Frontscheibe gut folgen können. Auch wenn der Himmel ab und an aufklart, es bleibt nass und unangenehm zu fahren. Wir haben trotzdem Spaß! Die belustigten Blicke anderer Autofahrer ob unserer tief in die Stirn gezogenen Mützen und Kapuzen, das durchnässte Road Book und auch die unablässig fleißig wischenden (Mini-) Scheibenwischer des Froschs begleiten uns durch Monte Marcello, La Spezia, Passo del Cerreto auf dem Weg zurück zum Anfang der Veranstaltung – nach Reggio Emilia!

Kurz vor dem Zwischenhalt in einer urigen Berghütte fährt es uns dann doch noch einmal durch Mark und Bein. Ein anderer Wagen nimmt uns in einer Kurve die Vorfahrt und zwingt uns zu einer Vollbremsung. Die Bremsen quietschen bedrohlich auf der nassen Straße, blockieren, und wir rutschen einige Meter. Der Frosch bleibt nur wenige Zentimeter vor einer begrenzenden Mauer schräg auf der Straße stehen – und wir danken wieder einmal unserem „Renningenieur“ in Hamburg, der kurz vor der Rallye die nicht sehr wirkungsvollen Trommelbremsen durch griffige Scheibenbremsen ersetzt hatte!

Mit durch die Kälte und die Schrecksekunden etwas zittrigen Beinen fahren wir weiter zum Etappenziel und wärmen uns mit starkem, original italienischem Kaffee auf. Nachdem sich die Regenwolken weitestgehend verzogen haben präsentieren sich die Berge in einem satten Grün und begeistern wieder einmal nicht nur uns, sondern eigentlich alle Teilnehmer, die bei Kaffee und Kuchen einen Blick auf die umliegenden Hänge werfen.

Von nun an kommen wir alle weitestgehend trocken voran – und obwohl wir die herunterzählenden, verbleibenden Kilometer im Road Book sehen und die Chinesenzeichen regelmäßig abhaken, so kommt es doch irgendwie überraschend, als wir das Schild “Reggio Emilia” sehen, um die letzte Ecke biegen und auf den Marktplatz und den Zielbogen zufahren; etwas durchnässt und müde von den letzten Tagen, aber sehr glücklich in dem Wissen, dass wir von dieser fantastisch durchgeplanten Rallye noch lange zehren werden. Nicht zuletzt, trugen dazu ein stets hilfsbereites Orga-Team, viele neue Rallye-Kollegen, die verlässlichen Bremsen und der wackere Frosch bei.

Schlussendlich ist es der 42. Platz in der Gesamtwertung geworden, aber auf den ersten Platz unter den deutschen Teams sind wir doch recht stolz, wenn wir auch wissen, dass uns die recht legere Einstellung der anderen Teilnehmer da günstig in die Karte gespielt hat – egal! Die nächste Tour kommt bestimmt – und dann holen wir auf!

Nina Kurth

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